Michel Serres – Die fünf Sinne

Ich lese gern Michel Serres, weil er den Gedanken Flügel zu verleihen mag. Weil ich mich bei der Lektüre entfernen kann; von mir selbst und den ständigen Begleitern, tagtäglichen Gedanken. In der Leichtigkeit, es ist wie ein Schwebezustand, liegt viel verborgen und manchmal fällt man zurück auf Gerüche, Geschmack, Chemie und seine fünf Sinne.

Sokrates, Agathon, Alkibiades reden über die Liebe, ohne sie jemals zu machen; sie setzen sich zu Tisch, ohne zu speisen; sie trinken, ohne den Geschmack zu genießen; und so eilen sie von der Tür zur Schwelle sogleich in den Gastraum und auf die Liegestatt, ohne der Küche einen Besuch abzustatten. Die Sklaven oder die Frauen halten sich, den Göttern gleich, nahe beim Herd, wo die Verwandlung erfolgt, während die Barbaren reden.“

Manchmal brauche ich meine Hände, um Dinge besser begreifen zu können. Ist Erde unter den Nägeln nötig, damit ich den Geruch besser aufnehmen kann. Erst dann wird aus Hexenwerk Erfahrbares, wird Unberührbares Teil des Erkennes.

Erde, Fels, Feuerstein, Schwefel, Wasserstaoff, mineralische Gerüche, erschreckend, primär, molar, einfach, ursprünglich, ja atomar. Hier ruht unsere Angst vor der Chemie begraben: der Grund, weshalb unsere Vorfahren Alchimisten und Hexer verbrannten, die Furcht vor dem Boden, den Erkenntnis und Tod gemein haben. Es ist nichts im Verstand, was nicht zuvor durch diesen Boden hindurchgegangen ist.“

Die Angst vor dem Unfassbaren. Die Unsicherheit einer ins Unendliche reichenden Vergangenheit – wohin uns die Nase gern führt, wenn sie Erinnerungen ans Tageslicht zerrt, die wir bereits begraben glaubten. Alles ist gut, wenn die Chemie nur stimmt.

Michel Serres, „Die fünf Sinne“ (Eine Philosophie der Gemenge und Gemische), Suhrkamp Verlag, 2. Aufl. Frankfurt/M. 1994

Die Kommentarfunktion ist derzeit geschlossen.