Synästhesie – Farben riechen & Aromen sehen

Es hilft nichts, wenn ein Krankenwagen oder ein Feuerwehrauto mit eingeschalteter Sirene an mir vorüberfährt, möchte ich mir am liebsten die Augen zuhalten, doch ich brauche beide Hände für die Ohren. Für Bruchteile von Sekunden zucken Farbblitze auf, wird das Gesehen hellrosa oder blendend weiß, überlagern Lichtblitze und Farben das Bild, sehe ich was ich höre – schreiendes, kreischendes WEIß.

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    Ich fühle mit sehendem Aug‘ und sehe mit fühlender Hand.
    (Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832)

Was empfinden wir, wenn wir Musik hören, Gerüche in uns aufnehmen, schmecken, sehen, hören, fühlen? Wie ergeht es wohl einem Blinden, der beim Klang der Trompete scharlachrot sieht? Farbenhören, die häufigste Form der Synästhesie. Und dabei könnten sich doch aus den fünf Sinnen – sehen, hören, schmecken, riechen und fühlen – unglaublich viele synästhetische Kombinationen ergeben – Farbschmecken oder Riechensehen. Doch viele Sinnespaarungen sind noch nie beobachtet worden und das Riechen selbst ist nach Richard E. Cytowic noch nie als Auslöser für andere Sinneseindrücke beobachtet worden. (Richard E. Cytowic, „Farben hören, Töne schmecken – Die bizarre Welt der Sinne“, dtv Taschenbuch, München, 1996)

Seit dem 19. Jahrhundert ist die Synästesie ein Teil der verschiedensten künstlerischen Ausdrucksformen. Unterschiedliche Stilrichtungen und Genres wurden verschmolzen, Literatur und Musik, Lichtgestaltung und sogar die Düfte fanden verstärkt zueinander – Son et Lumiére. Und Mrs. Astor ließ in ihrer Villa Beechwood in Newport auch noch teure Parfums und ätherische Öle verdampfen, um ihren Gästen eine weitere Sinneswahrnehmung zu ermöglichen; Geruch als sinnliche Schwelgerei, als synästhetische Unterhaltung. Eine reizvolle Absicht mit Unterhaltungswert doch im eigentlichen Sinne des Wortes nicht als Synästhesie zu bezeichnen. Denn der Unterschied wird besonders deutlich, wenn man sich die Werke Color Symphony (1922) von Arthur Bliss [(1892-1975) auf der Grundlage seiner Vorstellungen von Synästhesie komponiert] und den Prometheus von Aleksandr Skjabin (1871-1915) genauer ansieht. Skrjabin näherte sich thematisch seinen eigenen synästhetischen Wahrnehmungen. Weißes Licht bis man nur noch die Augen schließen kann und ein mystischer, fast schon spiritueller Akkord aus C, fis, b, E`, A` und D„. Klangliches Vertrauen und harmonische Basis zugleich. Den Tonarten waren ganz spezifische Farben zugewiesen worden. Bliss hingegen tat nichts weiter, als die Farben nach Belieben mit den verschiedenen Tönen zu kombinieren. Es ist ein Spiel mit der Synästhesie.

An dieser Stelle muß man Wassily Kandinsky (1866-1944) nennen, der als Künstler vielleicht das tiefste Verständnis zur Synästhesie zum Ausdruck bringen konnte. Seine Bilder geben ein Zeugnis von diesen Visionen, seine Malerei ist von der Musik durchdrungen, ein Spiegelbild der harmonischen Bindungen von Klängen und Farben. Und vielleicht gelingt eine Ahnung davon, wenn man sich Arthur Rimbauds (1854-1892) VOKALE von 1871 vor Augen und Vorstellung hält:

    A schwarz, E weiß, I rot, Ü grün, O blau, Vokale.
    Einst künd ich den verborgnen Grund, dem ihr entstiegen.
    A, schwarzbehaartes Mieder glanzvoll prächtiger Fliegen,
    die summend schwärmen über stinkend grausem Mahle.

    Der Schatten Golf. E, Weiß von Dämpfen und von Zelten,
    Speer stolzer, weißer Gletscherkönige, Rausch von Dolden;
    I, Purpur, Blutsturz, Lachen, wie`s von Lippen, holden,
    In trunkner Reue strömt und in des Zornes Schelten.

    Ü, Kreise, grüngefurchter Meere göttlich Beben,
    Der Almen Friede, wo die Herden weidend leben,
    Friede, den Alchemie in Denkerstirnen gräbt.

    O, wunderbares Horn, voll seltsam schrillen Weisen,
    Stillschweigen, drin die Welten und die Engel kreisen:
    – O, Omega, Strahl, der ihr Auge blau umschwebt.

Und hier noch ein hübscher Link: synaesthesia

Immer der Nase nach.

6 Kommentare zu “Synästhesie – Farben riechen & Aromen sehen”

  1. macsoapy

    Skrjabin erdachte sogar ein Farbenklavier!!! Ich hatte mal Seminare bei Pierre Boulez, einem Schüler von Olivier Messiaen. Da mussten wir bestimmten Zahlen Farben zuordnen. Für uns Studenten war das ein großer Spaß. Aber es hat geholfen, in die Welt der Synästheten einzusteigen.

    Viele Grüße aus DD
    Gabi K.

  2. Erik

    Promethée. Le Poème du feu. Skrjabin selbst hat die Uraufführung in New York 1916 allerdings nicht mehr erlebt und ich denke, ich werde heute auch dazu noch etwas schreiben. Mal schaun, ob ich ein Stückchen der Partitur zwischen den Noten finde, oder etwas anderes zur Illustration. Interessant ist die Tatsache, daß der Komponist das Blau als leichte, ätherische Farbe empfand. Fast spirituell und wenn ich mich recht entsinne, beginnt die Komposition auf Blau (Fis) und endet auch dort. Blau, das Leichte und Flüchtige, eine Geruchswahrnehmung, der die Aromatherapie zum Beispiel die Rose zugeordnet hat.. Womit wir wieder beim Thema wären. Immer der Nase nach.

    Gruß Erik

  3. Bobby

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  4. Blanche

    Mir wird fast schlecht dabei, wenn ich lese A sei Schwarz, Für mich ist P eher Schwarz. Die Farbenpalette der farbigen Sinneswahrnehmung ist gross, ich sehe fast immer Mischfarben, also keine klaren eindimensionalen Farben, sondern blaugrün oder violettblau, rostrot, gelbgrün etc.

    Die Verbindung von Düften mit Farben ist sehr interessant und für die meisten Synestätiker selbstverständlich.

    Lieber Gruss,
    Blanche

  5. MJM

    Hallo zusammen, habt ihr eigentlich auch mal eure Eltern, Geschwister oder Freunde nach farbigen Buchstaben gefragt? Es gibt viele Menschen welche Synästhesie haben, es aber nicht bemerken, da man Synästhesie oft nur unbewusst wahrnimmt. Eine Methode um Synästhetiker zu identifizieren ist ein Synästhesie-Test (findet man unter http:www.synaesthesia.com). Oder auch ein Synästhesie-Workshop. Es ist wichtig dass die Leute informiert sind. Ich bin zum Beispiel auch dafür, dass man Synästhesie-Früherkennung in der Schule betreibt.

  6. erik

    Lieber Marc,

    vielen Dank für den Kommentar und den damit verbundenen Hinweis auf die eigene Internetseite, die ich in diesem Fall natürlich gern zusammen mit dem Beitrag freigeschaltet habe. Zudem habe ich den direkten Link in den Artikel eingefügt.

    Gruß Erik