Fiktive Atmosphären

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Ich glaube, ich mache derzeit eine Buchphase durch. Worin ich auch lese, die Augen entdecken überall aromatische Spuren in den Texten.

Georg Simmel (1858-1918), SOZIOLOGIE

Gegenüber der soziologischen Bedeutung von Gesicht und Gehör tritt die der niederen Sinne zurück, wenngleich die des Geruchs nicht so weit, wie die eigentümliche Dumpfheit und Unentweichbarkeit seiner Eindrücke anzunehmen verleitet.

Folgt man Simmel, dann bleiben die Wahrnehmungen und Beschreibungen von geruchlichen Sinneseindrücken dem Subjekt hin verhaftet. Deutlich geben sie Zeugnis von Lust und Unlust, Wohlgefallen oder Ablehnung. Der objektiven Erkenntnis steht selbst die Sprache im Weg, deren Ausdrucksmöglichkeiten nicht ausreichen, um geruchliche Sinneseindrücke selbständig und objektbildend zu beschreiben. Schon die Beschreibungen eines Zitrusduftes, der in der Wahrnehmung als sauer riechend charakterisiert wird, geht ursächlich davon aus, daß eine Zitrone so riecht wie sie schmeckt, nämlich sauer. Und so entzieht sich der Geruch einer Beschreibung durch Worte. Er bleibt unklar und different, läßt sich nicht auf die Ebene der Abstraktion projizieren und je mehr wir uns um Objektivität bemühen, um so deutlicher treten die instinktiven Antipathien und Sympathien hervor.

Es ist von einer noch garnicht genug beachteten Bedeutung für die soziale Kultur, daß mit der sich verfeinernden Zivilisation offenbar die eigentliche Wahrnehmungsschärfe aller Sinne sinkt, dagegen ihre Lust- und Unlustbetonung steigt. Und zwar glaube ich, daß die nach dieser Seite hin gesteigerte Sensibilität im Ganzen sehr viel mehr Leiden und Repulsionen als Freuden und Attraktionen mit sich bringt

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Ein Zitat, dem man nichts weiter hinzufügen muß. Wie schnell wird doch klar, daß all unsere gesellschaftlichen Techniken im Grunde genommen nichts Soziales sind; sie werden es erst durch die Wechselbeziehungen innerhalb der Gesellschaft. Sind die gestört, hilft alles nichts. Dann ersetzen wir Freundschaften durch Geschäftsbeziehungen (oder wir denken, Freundschaften wären Geschäftsbeziehungen – ich weiß nicht was schlimmer ist) und organisieren menschliche Kontakte nach Spielregeln, die es einzuhalten gilt, selbst wenn die Regeln für andere unbekannt sind. Im Zweifelsfalle entscheidet ein Mausklick über Freund oder Nicht-Freund. Wir sollten alle mehr Simmel lesen.

Im allgemeinen wird mit steigender Kultur die Fernwirkung der Sinne schwächer, ihre Nahwirkung stärker, wir werden nicht nur kurzsichtig, sondern überhaupt kurzsinnig; aber auf diese kürzere Distanz hin werden wir um so sensibler.

Doch unsere Nase ist nun mal nicht mehr auf Fernwirkungen hin ausgerichtet und organisiert. Zwar stört uns so manch wehendes Lüftchen, doch wenn wir etwas genau riechen und erschnuppern wollen, wenn wir unseren Augen nicht traun und glauben, man wolle uns mittels Schulspeisung vergiften, dann müssen wir mit der Nase dicht über den Teller. Um am Ende doch nur zu merken, daß die grünen Dinger in der Soße keine Erbsen sondern Kapern sind. Man hat es zwar so kommen sehn, doch erst wenn die Nase ihr Urteil im Spiel der Sinne hinzufügte sind wir uns sicher und schütten alles gleich wieder weg. Eigentlich recht interessant, schließlich könnte es ja sein, daß der Gaumen zu einem ganz anderen Urteil kommt. Wir können zwar mit der Nase nicht mehr so objektiv entscheiden wie durch Augen und Gehör, doch subjektiv sind die Reaktionen auf Geruchseindrücke um so intensiver. Eine feine Nase muß zudem nicht unbedingt ein Vorteil sein. Riechen ist zugleich eine Form der Aneignung, der Inbesitznahme; um zu riechen, ziehen wir etwas tief in uns hinein, wir assimilieren das den Duft austrahlende Objekt in gewisser Weise.

Daß wir die Atmosphäre jemandes riechen, ist die intimste Wahrnehmung seiner, er dringt sozusagen in luftförmiger Gestalt in unser Sinnlich-Innerstes ein.

Daraus folgt (wenn die Ursache eine gesteigerte Reizbarkeit ist), im Ernstfalle das Bedürfnis nach größerer Distanz – die wohl letzte theoretische soziologische Reserve des Individuums. Obwohl ich nicht verstehe, warum so viele Menschen immer genau dort sein wollen, wo schon Menschenmassen sind. Distanz scheint nicht unbedingt ein Zivilisationsgewinn zu sein. Über diesen Widerspruch muß ich nachdenken. Nietzsches Individualismus wäre eine Alternative und es ist typisch, daß dieser oft von Menschen spricht, die ihm nicht gut riechen. Unser Geruchssinn ist ein dissoziierender Sinn (ein trennender Sinn).

Endlich spielt das künstliche Parfum eine soziologische Rolle, indem es eine eigenartige Synthese individuell-egoistischer und sozialer Teleologie auf dem Gebiet des Geruchssinnes vollzieht. Das Parfum leistet ebendasselbe durch Vermittlung der Nase, was der sonstige Schmuck durch die des Auges.

Und obwohl Parfum für Simmel etwas völlig Unpersönliches ist, weil es von außen bezogen hinzugefügt wird, beschreibt er eine eine wichtige Synthese. Person und Duft gehen zusammen, verbinden sich zu einer Einheit und vergrößern so die Sphäre der Person. Folgt daraus nicht auch ein Raumanspruch? Nehmen wir mit unseren zum Teil auf deutliche Strahlwirkung hin ausgerichteten Düften und Parfums damit nicht auch automatisch anderen Menschen die Luft zum atmen? Dominieren wir mit sich ausbreitenden Aromen nicht genau den Platz, den wir uns mit anderen teilen sollten und müssen? Mit dem von der Person abstrahlenden Duft geht eine eigenartige Stilisierung einher. Zum einen verdeckt der Duft, übrigens ganz ähnlich der Kleidung, einen gewissen Teil der Persöhnlichkeit und zudem birgt der Duft fast zeitgleich eine Art der Verflüchtigung. Das Parfum ersetz ganz objektiv die persönliche Atmosphäre eines Menschen und macht zugleich auf diese aufmerksam – & schafft damit eine Fiktion, von der viele Menschen glauben (wohl auch hoffen), es würde sich dabei um einen sozialien Wert handeln. Fiktion als Glaube und Wertvorstellung. Eigenartig, wie politisch aktuell das Nachdenken über Parfum so sein kann.

Georg Simmel, „Soziologie – Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“, Hrsg. Ottheim Rammstedt, Gesamtausgabe Band 11, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 811, Suhrkamp Frankfurt/M., 1. Aufl. 1992

(in diesem Band enthalten, der EXKURS ÜBER DIE SOZIOLOGIE DER SINNE, S. 722-764)

Immer der Nase nach.

Ein Kommentar zu “Fiktive Atmosphären”

  1. Fam. Blume

    Lieber Herr Kormann, Ihr Blog entwickelt sich zu einer Fundgrube des Wissens und auch wenn wir im Einzelnen nicht jede Philosophie kennen, so kann ich mit Sicherheit sagen, wer Kapern mag ist klar im Vorteil.