Hesperiden – von Äpfeln, Nymphen & Mythen

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Wer wissen möchte, was Zitrusdüfte (Agrumen) und Hesperiden verbindet, warum ich ein Bild mit Mandarine, Zitrone, Apfelsine und Grapefruit unter eine Überschrift setze, die auf Äpfel verweist und von Nymphen berichtet, der muß mir folgen, bis tief hinein in die Gründungsmythen der Welt. Zu Titanen und olympischen Göttern, zu Helden und großen Kriegern, jenen göttlichen Vorbildern der alten Griechen, welche in den erfundenen Gestalten des Olymp sich selbst, oder besser ihr Idealbild gespiegelt sehen wollten. Kluge und listige Gestalten, die den alten Riesen, Titanen und Giganten an Geschicklichkeit und Klugheit weit überlegen waren. Das wird eine Geschichte, fast schon eine Zeitreise. Auf geht`s, mir nach.

Einer dieser Titanen war Atlas, der von den olympischen Göttern dazu verurteilt worden war, das Himmelsgewölbe zu tragen und zwar genau an der Stelle, wo Himmel und Erdenscheibe sich berühren, wo die Welt angeblich ihr Ende hatte. Dieses Ende sahen die Griechen im Westen gekommen, genau dort, wo die Sonne untergeht. Dort hatten die antiken Geographen, in dem Land, welches wir heute Marokko nennen, den letzten Außenposten der Menschheit kartographiert und dort stand unser Atlas, stark und dumm und trug das Himmelsgewölbe, bis eines schönen Tages der junge Held Perseus vorbeigeschaut kam und den Titanen um ein Nachtquartier bat. Atlas lehnte ab und unser junger Held wurde wütend. Wenn man am Ende der Welt angekommen ist und dabei selber völlig am Ende ist, läßt man sich nicht so leicht wegschicken. Atlas hätte wenigstens mal fragen können, was Perseus gerade so erlebt hatte. Doch dafür war es nun zu spät. Der müde Recke zog den abgeschlagenen Kopf der Medusa aus der Tasche und Atlas erstarrte zu Stein. Aus dem Titanen war ein großes Gebirge geworden. Hespérius, westlich gelegen, genau dort, wo Perseus gelandet war. So steckt in der Beschreibung des Duftes zum einen ein geographischer Hinweis – westlich gelegen.

Doch die Geschichte geht noch weiter, ja sie hat gerade erst so richtig begonnen. Man muß nämlich zur Ehrenrettung des Titanen Atlas sagen, daß dieser glaubte, in Perseus jenen Dieb zu erkennen, vor dem man ihn gewarnt hatte. Ein Bösewicht, der ihm seinen wertvollsten Besitz – die Äpfel der Hesperiden – rauben sollte, war ihm angekündigt worden. Vermutlich hätte die Beschreibung auf fast alle der antiken Helden gepaßt – egal, aus und vorbei. Der eigentliche Dieb war Herakles: (Herkules, Sohn der Alkmene und des Zeus), der Recke, der im Wahn seine Kinder erschlug und dafür zur Strafe dem König Eurystheus dienen mußte, hatte den gefährlichen Auftrag von seinem Herrn bekommen, die wunderbar goldenen Äpfel aus dem Garten des Atlas zu stehlen. König Eurystheus wollte nämlich seinen starken Dienen gern wieder loswerden. Was durchaus verständlich ist. Wer möchte schon einen wahnsinnigen Kindermörder zum Diener haben? Da schläft man ja schlecht und deshalb gab er ihm einen gefährlichen Auftrag nach dem anderen. Immer in der Hoffnung, Herakles werde den Einsatz nicht überleben. So war es auch dieses Mal.

Ursprünglich waren die goldenen Äpfel ein Geschenk von Mutter Erde Gaia an die Göttermutter Hera, ein Geschenk in Gestalt eines Baumes, an dem die gelben Früchte wuchsen. Gepflegt wurde der Baum von Nymphen, von Hesperiden, den Abendlichen. Zur geographischen Beschreibung kommt eine Zeitliche hinzu – im Westen, dort wo die Sonne untergeht – am Abend. Von den Nymphen hatte Perseus kurz zuvor die geflügelten Sandalen, den Sack, in dem er das gefährliche Medusenhaupt transportieren konnte und die unsichtbar machende Tarnkappe erhalten. Die antiken Griechen erkannten in vielen Naturerscheinungen jene zarten Geisterwesen, die als Najaden Quellen, Bäche und Flüsse, als Dryaden Bäume, in Gestalt der Oreaden die Berge und als Okeaniden und Nereiden die Meere bewohnen. Eine der uns wohl bekanntesten Nymphen ist Echo. Das schöne, kluge und ach so geschwätzige Mädchen, welches von Hera damit bestraft wurde, daß sie kein Gespräch beginnen, sondern nur nachplappern konnte.

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Atlas war der Vater der Hesperiden und deshalb betrachtete er den Garten und alles was darin wuchs als seinen eigenen Besitz. Aber Hera hatte aus Vorsicht einen weiteren Hüter für ihre Äpfel engagiert – Ladon, den hundertköpfigen Drachen (in antiken- und mittelalterlichen Darstellungen häufig als Schlange abgebildet). Bei Gustav Schwab Die schönsten Sagen des klassischen Altertums heißt es:

Einst bei der feierlichen Vermählung des Zeus mit Hera, als alle Götter dem erhabenen Paar ihre Hochzeitsgeschenke darbrachten, wollte auch Gäa nicht zurückbleiben; sie ließ daher am Westgestade des großen Weltmeeres einen ästereichen Baum voll goldener Äpfel hervorwachsen. Vier Jungfrauen, Hesperiden genannt, Töchter der Nacht, waren die Wärterinnen dieses heiligen Gartens, den außerdem noch ein hundertköpfiger Drache bewachte, Ladon, ein Sprößling des Phorkys, des berühmten Vaters so vieler Ungeheuer, und der erdgeborenen Keto. Kein Schlaf kam je über die Augen dieses Drachen, und ein fürchterliches Gezisch verkündete seine Nähe, denn jede seiner hundert Kehlen ließ eine andere Stimme hören.

Herakles muß zuerst ganz schön suchen und ohne fremde Hilfe hätte er den Garten des Atlas vermutlich gar nicht gefunden. Abenteuer folgte auf Abenteuer. Erst besiegte er den Riesen Antäus (Sohn des Poseidon und der Gaia) und im Kaukasus befreite er den Prometheus von seinen Ketten. Aus Dankbarkeit verriet dieser ihm, wo er den Garten seines Bruders, des Atlas, finden konnte. Zugleich erhält er von Prometheus auch den Tip, die Äpfel nicht selber zu pflücken. Atlas sei die Schlepperei des Himmelsgewölbes schon lange leid und werde deshalb die Äpfel gern für ihn ernten, wenn er ihm nur kurz die Last abnehmen würde. Gesagt, getan. Herkules erledigt mit einem gezielten Schuß den Drachen, nimmt Atlas kurz die Last des Himmelsgewölbes ab und läßt diesen die Äpfel pflücken. Als dieser aus seinem eigenen Garten zurückkommt, hat er die Idee, die Äpfel nun selber bei König Eurystheus abzugeben. Befreit von der Last des Himmelsgewölbes fühlt er sich zu neuen Taten berufen und weil jemand den Himmel ja tragen muß, will er den Herkules an seiner Stelle stehen lassen. So bleibt diesem nur eine letzte List. Er bittet den Titanen freundlich noch einmal kurz zu übernehmen, damit er sich Schaffelle gegen den Druck über seine Schultern legen könnte. Atlas legt die Äpfel kurz ab und da steht er nun. Herakles schnappte sich die Äpfel und so kamen die wertvollen Früchte aus dem Garten der Hesperiden in die Welt. Und fragen sie mich jetzt bitte nicht, warum der zum Gebirge erstarrte Atlas plötzlich wieder so lebendig ist. Mythen sind nicht immer logisch.

Oft haben Namen und Beschreibungen eine lange Kulturgeschichte durchlaufen, wurden aus goldenen Äpfeln (vermutlich waren es Quitten), Nymphen, Helden und spannenden Mythen berauschende Düfte. Und wie an allen Märchen, Sagen und Erzählungen ist auch an dieser Geschichte etwas Wahres dran. Erst durch die Kreuzzüge Alexanders des Großen lernte die abendländische Kultur Zitrusfrüchte und Agrumenöle kennen.

Eine weitere Verwendung des Namens findet sich in der Botanik. Mir sind 2 Bezeichnungen bekannt, deren Idee im Ursprung mythologisch ist. Zum einen bilden die Hesperis (Nachtviolen) eine Gattung in der Familie der Kreuzblütengewächse. Hespera (altgr. der Abend), beschreibt die Zeit, zu der diese Blumen besonders stark duften. Und dann gibt es noch die Hesperides/ Hesperidien; Beerenfrüchte mit ledriger Schale, wie sie den Citrusfrüchten eigen ist und wie sich Carl von Linné die Früchte am Baum im Garten der Hesperiden vorstellte.

Zudem gibt es einen Stern, der am Morgen und noch besser am Abend besonders gut zu sehen ist – die Venus, Hesperos (Hesperus). Auf ihrer Bahn kommt sie der Erde sehr nah und weil die Venus zugleich auch die Göttin der Liebe ist, symbolisiert ihr Zeichen mit dem stilisierten Handspiegel bis heute die Weiblichkeit.

Literaturtipps:

    Gustav Schwab, Die schönsten Sagen des klassischen Altertums.
    Günther Ohloff, Irdische Düfte, himmlische Lust.
    OVID, Metamorphosen.
    Egon Friedell, Kulturgeschichte Griechenlands.
    H. Genaust, Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen.

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Immer der Nase nach.

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