Wäscherolle – eine Wochenendgeschichte

Für Heide,
eine Geschichte zum Wochenende, etwas anderes im aromatischen-blog, eine Erinnerung.

Als ich noch ganz klein war, vor rund 37 Jahren, wohnte meine Mutti mit mir allein in Schleußig; einem Stadtteil von Leipzig. Unweit der Dammstraße, in Richtung Innenstadt, glibberte die Pleiße, jener Fluß, in dem früher mal Fontane nach seinen morgentlichen Spaziergängen durch den Auwald baden ging, träge dahin. In meiner Erinnerung hatte das Wasser eine schwärzlich, zart bläulich schimmernde Farbe bekommen, gegen den Wind war sie kilometerweit zu riechen und die Brühe wirkte leicht zähflüssig; heute scheint sir mir wieder recht sauber zu sein. Die andere Richtung war wegen der Kaufhalle interessant. Der damalige Leiter dieser Kaufhalle, ein Bulgare und damit ein Landsmann meiner Mutter, war immer sehr freundlich zu uns, nachdem meine Mama ihn mit einer Maus um eine riesige Eistorte erpreßt hatte, welche sie in der Brötchenschütte gefangen hatte. Die Maus kam frei und ich erhielt zum Kindergeburtstag die Eistorte – Halbgefrorenes, mein Lieblingseis. Doch rechts von der Kaufhalle geht eine Straße ab, deren Namen ich nicht mehr mit Sicherheit sagen kann; die heute Könneritzer heißt. Dorthin gingen wir alle 14 Tage. Gemeinsam schleppten wir einen großen Korb mit Wäsche und auf der rechten Straßenseite, auf einem Hof, gab es eine große Maschine. Ein hölzernes Ungetüm, welches quitschend und ächzend unsere Bettwäsche so flach und glatt wie Briefmarken rollte.

waescherolle_eingangstuer

Diese Wäscherolle ist ein wichtiger Teil meiner Kindheitserinnerungen und neulich habe ich diese Kindheitserinnerung wieder aufgefrischt. Zusammen mit Heide, meiner amerikanischen Lieblingsschwester, ging es am Auwald vorbei in Richtung Schleußig. Über die Pleiße, links die Dammstraße, rechts die alte Schule, wieder links ein neuer Supermarkt an gleicher Stelle und dann rechts um die Ecke. Wir blieben an der rechten Häuserwand und nachdem wir auf einigen Höfen vergeblich gesucht hatten, fanden wir den richtigen Hof in der Nummer 79. Nach gut 36 Jahren bin ich wieder in Leipzig und der alte Holzkasten steht noch immer an der selben Stelle. Die eine der beiden Maschinen funktioniert sogar noch und in meinen Ohren klingt es wie damals. Es rumpelt und pumpelt, die Maschine keucht und bewegt sich wie in Zeitlupe.

waescherolle_bild

Man schaltet den Strom ein und während der schwere, mit Steinen gefüllte Holzkasten auf eine Seite fährt, nimmt man eine Rolle, legt ein Rolltuch aus, wickelt Wäsche und Rolltuch auf die Rolle und schiebt alles zusammen unter den Kasten. Danach schließt man das Schutzgitter und schon setzt sich das hölzerne Ungetüm in Bewegung. Der Kasten fährt langsam auf die andere Seite, wo er leicht in die Gegenrichtung ankippt und schon kann man dort eine neue Rolle und mit Wäsche unterlegen und das Spiel beginnt von vorn. Langsam geht es hin und her und die Wäsche wird wahnsinnig glatt, einfach durch das Gewicht und ganz ohne Wärme.

Und wer seine Wäsche nun mit der Wäscherolle schön glatt rollen möchte, der muß nach Leizig-Schleußig fahren, dort in die Könneritzer Straße 79 gehen und bei Familie Naether klingeln. Wenn ich es richtig behalten habe, dann kann man am Dienstag von 15 Uhr an seine Wäsche rollen, wenn man etwas Geld mitbringt. Ich war ja völlig von der Rolle, daß dieses Teil noch funktioniert.

Ich weiß nicht, wie alt die Maschinen wirklich sind. Meiner Schätzung nach könnten es gut zwischen 80 und 100 Jahre sein.

Schleußig e.V.
Leipzig-Lexikon
Wäscherolle auf pointoo

7 Kommentare zu “Wäscherolle – eine Wochenendgeschichte”

  1. Stephan

    Erik, so eine Wäscherolle hatte ich auch in meiner Jugend (und es gibt sie, leider unbenutzt) noch heute. Sie wird mit einer Handkurbel angetrieben, ich mußte kurbeln, vor und zurück, und meine Mutter legte die Wäsche ein und nahm sie wieder heraus. Eigentlich müßte ich heute Muskeln haben, wie Conan der Barbar. Warum das nicht so ist, kann ich nicht sagen.
    Jedenfalls werden bei mir heute nur noch Hose und Oberhemden gebügelt. Weiter nichts. Ich habe eine gewisse Aversion gegen das Rollen der Handtücher und Bettwäsche und das Bügeln riesiger Stapel von Stofftaschentüchern entwickelt…
    Vielleicht sollte ich die Rolle auf Ebay versteigern. Mit zwei starken Männern kann man sie leicht tragen 😉

  2. Erik

    Hi Stephan, da solltest Du mal meinen Schreibtisch sehen. Er besteht aus einer alten Wäschemangel, deren Holzwalzen durch riesige Stahlrollen ausgetauscht wurden. Jetzt macht die alte Wäschemangel so viel Druck, daß es sogar für Kaltnadelradierungen reichen würde – schade nur, daß der Euro keine Kaltnadelradierung ist. Dann würde die Wäschemangel sich Tag & Nacht drehen 🙂

    Aber es ist ein sehr schöner Schreibtisch. Gruß Erik

  3. + Q Perfume

    Lovely story!
    I miss you and your blog.
    Italy was great…
    kisses Simone

  4. Andrea

    Naja,ich glaube jeder von uns(ich meine von unserer Generation) kennt die Wäscherolle.Das ist nun komisch und sonderbar für unsere Kinder und die Jugendliche,aber sie können sicher sein,dass in der Zukunft vielleicht die heutige Waschmaschinen auch komisch aussehen werden…

  5. erik

    Na dann sind Sie schon mal der zweite Mensch meiner (unserer) Generation, der die Wäscherolle kennt. Denn allen, denen ich von dieser sagenhaften Holzmaschine, den Steinen, den Geräuschen und der durchaus stattlichen Größe erzählte, war so ein Gerät absolut unbekannt. Aber das mit den Waschmaschinen wird wohl stimmen. Wie spannend fand ich noch den ersten Frontlader … wo man hübsch davorsitzen und zusehen konnte wie die Wäsche sich drehte.

  6. Aka-Bacsi

    Schön! Ich erinnere mich auch an solch ein ächzendes Ungetüm im Eckhaus Kurt-Eisner-/Kochstraße. Jedes Mal wenn ich da vorbei gehe versuche ich durch das trübe Kellerfenster zu erkennen, ob das Ding noch vorhanden ist. Es ist höchst bedauerlich, daß so etwas der heutigen Jugend entgeht! Dein Aka

  7. Rauterkus,Guenter

    Ich habe gerade eben so ein tolles Holzwalzenbestuecktes Teil erworben.Sollte jemand Intresse haben bin ich bereit fuer einen angemessenen Preis zu verkaufen.