Parfum in der Öffentlichkeit

Wann immer wir uns in der Öffentlichkeit bewegen, berühren wir schnell die Privatsphäre anderer Menschen und genau aus diesem Grund neige ich dazu, Distanz als Zivilisationsgewinn zu betrachten. Mir scheint nur, als würden viele Menschen gern immer genau dort sein, wo schon eine größere Menge versammelt ist. Eine Eigenschaft, die unzählige Berührungspunkte zur Folge hat. Die Trennlinie zwischen Öffentlichkeit und Privat verschwimmt und unklar bleibt, ob man auf eigene Äußerungen und Zurschaustellungen des Privaten lieber verzichten, oder die anderen weghören, wegschauen und weggehen sollen, wenn es ihnen nicht paßt. Wir werden auf Schritt und Tritt mit fremden Einstellungen, Meinungen und Ansichten konfrontiert. Es vergeht kaum eine Straßenbahnfahrt, während der ich nicht fremde Telefonate mit anhören muß und mir der Nachbar seinen Musikgeschmack aufdrängt. Wo immer ich hinschaue, schwabbelt nacktes Fleisch herum, sehe ich so tiefgezogene Hosen, daß Teile des Hinterns sichtbar sind und Abbildungen nackter Frauen zieren die Titelblätter unzähliger Zeitungen, dargeboten in Kinderaugenhöhe. Was ist eigentlich noch Privat? Wo endet meine Freiheit im öffentlichen Raum und wo fängt sie vielleicht sogar an? Endlich darf auf Bahnhöfen und am Arbeitsplatz nicht mehr geraucht werden, endlich muß man nicht mehr permanent für eine Selbstverständlichkeit eintreten. Doch wo kommen wir eigentlich hin, wenn alles verboten wird, was den einen oder die andere in der Öffentlichkeit stört? Schluß mit Straßenmusik und Dönergeruch, vorbei mit Telefongesprächen und Arschgeweih … Bitte nicht. Bitte nicht noch mehr Regeln und Verordnungen dort, wo es vielleicht auch mit Eigenverantwortung geht, und am Ende bleibt immer die Erkenntnis, daß man manches auch aushalten muß, wenn eine Großstadt die Heimat ist.

Es gibt aber Dinge, denen man nicht so leicht aus dem Weg gehen kann und Parfum ist genau so eine Sache. Da ist die Frau in der S-Bahn, die sich vermutlich eine ganze Flasche ihres Duftes über den Kopf geschüttet hat, weil sie den eigenen Lieblingsduft an sich selbst schon lange nicht mehr in der gewünschen Konzentration wahrnimmt und dort ist der ältere Herr, dessen billiges Aftershave wie Blei in der Luft hängt. Kaum ein Ort, wo die Nase nicht mit Parfum konfrontiert wird und egal wie man es anstellt, der Duft ist überall. Die Luft in Theatern und Opern, in Kinos und in Restaurants, in Kaufhäusern und Verkehrsmitteln ist Duftgeschwängert und ein Ausweichen ist zwecklos. Diesem Dilemma widmet sich CHEMICAL SENSITIVITY NETWORK mit der Kampagne „Vermeiden Sie Duftstoffe in der Öffentlichkeit“.

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Natürlich wäre es schön, wenn auch der Duft ungewaschener Körper, fettiger Haare und getragener Kleidung vermieden werden könnte. Wenn ich nicht ständig riechen müßte, was andere Leute grad gegessen haben und ich denke, sogar der dümmste Zigarrenraucher weiß ganz genau, daß seine Leidenschaft auf offener Straße hunderte Meter weit zu riechen ist – vermutlich geht es genau darum, es ist wie die Duftmarke eines Hundes.

Der unsachgemäße Gebrauch von Parfum führt jedoch bei anderen Menschen oft und schnell zu Kopfschmerzen und Übelkeit, allergische Reaktionen sind bekannt und Asthmatiker haben es unter diesen Bedingungen wirklich nicht besonders leicht. Nehmen sie Rücksicht auf andere und verwenden sie ihr Parfum in kleineren Mengen. Bedenken sie, daß sie den Duft ihres Parfums längst adaptiert haben und das die Menge, die sie für ausreichend halten locker ausreicht, um anderen Menschen Kopfschmerzen zu bereiten.

Und weil ich diese Einstellung dem anderen/ Fremden gegenüber für sehr wichtig halte, möchte ich auf die Internetseite von CHEMICAL SENSITIVITY NETWORK aufmerksam machen und daran erinnern, auch Parfum sparsam zu verwenden!

Immer der nase nach.

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