Borsäure, Aleppo-Seife und Hutschnur

Manche Dinge sind einfach so komisch, daß ich hin und wieder nicht ganz sicher bin, ob sie auch wirklich stimmen. Allein die Geschichte mit der Gurkenkrümmung war ein ganz wunderbares Lehrstück realmarktwirtschaftlicher Politik. Doch das kann nicht alles gewesen sein und gerade der Verbraucherschutz bietet vielfältigste Möglichkeiten für weitere Verbote. Schließlich wird hier besonders deutlich, wie sehr sich die Politik für VerbraucherInnen einsetzt.

In diesem Sommer folgt Gott sei Dank SODIUM BORAT. Endlich wird ein Stoff verboten, der ohnehin kaum noch Verwendung fand. Sodium Borat gab es in einigen wenigen Augentropfen, in manchen Lippenpflegeprodukten und ganz vereinzelt in Seifen und Rasiercremes. Den Notes of Guidance zufolge(SCCP 2006) wird bei Sodium Borat in der Expositionsabschätzung eine Auftragsmenge von 0,01 g pro Applikation (also Auftrag/ Anwendung) bei 4 maliger Anwendung (täglich) angenommen. Was bei einem Produkt mit einem 3%-igem Anteil an Borsäure (für eine Rasiercreme braucht man in Abhängigkeit vom Rezept ca. 0,7 %) eine tägliche Aufnahmemenge von 1,2 mg Borsäure am Tag bedeutet. Damit liegt die Konzentration deutlich unter dem bisher zulässigen TDI-Wert von 0,57 mg pro KG (Ein Wert, der die tolerierbare Menge eines Wirkstoffs festlegt, die für einen Menschen bei lebenslanger täglicher Aufnahme als gesundheitlich unbedenklich erachtet wird. Der Grenzwert wird meist in µg/kg/d angegeben, also in Mikrogramm Wirkstoff pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag.) Deshalb bestand aus Sicht der Risikobewertung bisher kein Grund zur Sorge. Trotzdem meldete die Arbeitsgruppe Kosmetische Mittel (Arbeitskreis lebensmittelchemischer Sachverständiger) Handlungsbedarf an und das BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung) wurde um eine Stellungnahme gebeten.

Man ging bisher davon aus, daß der Einsatz von Borsäure in Kosmetik gar nicht mehr gebräuchlich ist und zudem gibt es überhaupt keine neueren Studien zum Einstz von Borsäure in Hautpflegeprodukten. Die vorliegenden Erkenntnisse sind häufig älter als 40 Jahre. Lippenpflegeprodukte die z.B. den Höchstgehalt von 3% Borsäure beinhalten sind nicht bekannt – das amtlich aufgespürte Höchstmaß betrug 0,23 %. Selbst im Ernstfall, (dem absoluten Worst-case-Szenario – was davon ausgeht, das jemand Lippenpflegestifte mit einem Borsäureanteil von 3 % verspeist), wird der zulässige TDI-Wert nicht überschritten. Aus diesen Gründen bestanden aus Sicht der Risikobewertung keinerlei Bedenken.

Aber es gibt noch die EU und wer sich mit Gurkenkrümmungen und Glühbirnenverbot für eine bessere Welt stark macht, der schreckt natürlich nicht davor zurück, Stoffe zu verbieten, die kaum noch im Einsatz sind und deren Nebenwirkungen als gering zu betrachten sind. Es gibt natürlich noch viel mehr Stoffe in Kosmetik, die zum Teil wesentlich problematischer sind; Triclosan zum Beispiel. Hiervor warnt das BfR sogar, was jedoch nicht zu einem Verbot führt. Doch warum Dinge verbieten, die den Interessen von Kosmetikkonzernen im Wege stehen würden, wenn man den Verbraucher vor Borsäure schützen kann. Deshalb wurde das ECB (European Chemical Bureau) aktiv und setzte Sodium Borat auf Kategorie 2 der Gefahrstoff-Richtlinie. Die Anpassung an das Kosmetikrecht wird in diesem Sommer stattfinden und das Leben innerhalb der EU wird noch etwas sicherer und schöner.

Ob mich das stört? Nö. Zum einen erwarte ich von Politik nicht viel und zum anderen reicht mein persönlicher Vorrat an Sodium Borat noch für längere Zeit. Außerdem habe ich jetzt endlich die perfekte Ausrede, wenn mich jemand fragt, ob wir noch Tabula Rasa Rasiercreme produzieren. So lange wir dürfen, werden wir es aber tun!

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Das bereits genannte BfR mußte sich aber auch mit der Wirkung von Lorbeeröl beschäftigen. Lorbeeröl-Seifen sind groß in Mode und es kann ja nicht sein, daß ein Produkt aus Syrien, welches seit Jahrtausenden zur Hautreinigung eingesetz wird, so ohne Gutachten, Stellungnahmen, Richtlinien, Verordnungen und Übersetzungsfehler auf den empfindlichen Europäer losgelassen wird. So darf das Öl der Samen von Laurus nobilis L in kosmetischen Mitteln nicht eingesetzt werden. Weil aber zahlreiche Seifen (u.a. die bekannten Aleppo-Seifen) mit Lorbeeröl als Inhaltsstoff beworben werden, mußte die EU aktiv werden und den Bürger schützen. Vor was? Na vor syrischer Seife. Man fragt sich nur, warum die Syrer noch nicht ausgestorben sind. Aber nun der Reihe nach. Man mußte natürlich klären, ob der in den Seifen beworbene Lorbeer-Öl-Anteil aus den unter Verbot stehenden Samen stammt. Lorbeeröl kann nämlich aus den Blättern und den Samen gewonnen werden. Woher stammte das Verbot? Das hat man sich aus dem Hut gezaubert, weil in den 60er-Jahren einige Menschen unter Hutband-Dernatitis zu leiden hatten. Das im Hutfilz enthaltene Lorbeeröl führte vereinzelt zu allergischen Reaktionen. Kein Witz! Dumm ist nur, daß Lorbeeröl nicht eindeutig definiert wurde. Der als Lorbeeröl beschriebene Rohstoff stellt eine uneinheitliche Produktgruppe dar, dessen allergisierende Bestandteile hauptsächlich Costunolid und Dehydrocostuslacton sind. Vermutlich wurde ursprünglich das Lorbeeröl (Oleum Lauri) in die Verbotsliste der EU aufgenommen (Position 359). § 1 der Kosmetikverordnung/ Anlage 1, lfd. Nr. 359 verbietet heute aber Laurus nobilis L. bei der Herstellung kosmetischer Produkte. An welcher Stelle sich der Übsetzungsfehler der ursprünglich englischen Textfassung der EU-Richtlinie einschlich ist inzwischen egal. Es gab schon Erstürmungen von Lagerbeständen und mancher Großhändler verkauft seine Aleppo-Seife nun als Wäscheseife. Behörden und Ämter entscheiden hier von Bundesland zu Bundesland durchaus unterschiedlich in freier Interpretation einer Richtlinie, die mit Sicherheit auf einem Übersetzungsfehler basiert.

Das sind genau die Momente, in denen ich mich frage, warum eine Fernsehsendung, die Auswanderung zum Inhalt hat, in Deutschland so erfolgreich sein kann.

Hüten sie sich vor Lorbeeröl, essen sie keine Lippenpflegestifte und sollten sie doch einmal in Länder reisen müssen, die nicht zur EU gehören, dann nehmen sie sich ihre gewohnten Kosmetischen Produkte aus der Heimat mit, sonst sind sie nicht sicher. Spricht man diese Dinge an, hört man immer wieder nur den mit Bedauern vorgetragenen Hinweis auf die EU und die damit verbundenen Vorschriften, die leider, leider umgesetzt werden müssen. Tja leider gehört Deutschland auch zur EU und in Kürze ist Wahl. Wer sich dennoch für den Schutz vor Lorbeeröl und Borax bedanken möchte, wem bei solchen Sachen die Hutschnur hochgeht, der kann die angesprochenen Behörden und Ämter leicht über eine Suchmaschine finden. Bringen wird es nichts.

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10 Kommentare zu “Borsäure, Aleppo-Seife und Hutschnur”

  1. Eva

    Die Europäische Kosmetikverordnung ist in dieser Hinsicht wirklich nicht nachvollziehbar, gehört doch die traditionelle Aleppo-Seife aus Oliven- und Lorbeerbeerenöl seit jahrhunderten zu den hautfreundlichsten Naturseifen, die es gibt….

  2. Anna

    Vielen Dank für diesen,wie ich finde, sehr guten Beitrag!

  3. aromatisches Blog » I Coloniali

    […] Siehe auch: Borsaeure, Aleppo-Seife und Hutschnur […]

  4. Sarah

    Sehr interessant. Guckt auch mal hier: …w.najel.net (Link entfernt)

  5. erik

    Liebe Sarah, ich freue mich natürlich, wenn sich die Leserinnen und Leser meines Blogs zu den Texten äußern. Doch manchmal habe ich den Eindruck, daß sich hinter den oft sehr kurz gehaltenen Mitteilungen oft nur der Wunsch verbirgt, die eigene Web-Adresse darzustellen und wenn sich dann auch noch geschäftliche Interessen hinter diesen Web-Adressen verbergen, dann fühle ich mich irgendwie benutzt. Das mag ein falscher Eindruck sein, doch ich denke, daß ich damit nicht ganz daneben liege. Deshalb werde ich die direkte Verlinkung auch in diesem Fall nicht zulassen. Es tut mir leid, aber der Satz „Sehr interessant. Guckt mal hier … (was wir anbieten) ist kein Kommentar sondern einfach nur Werbung. Gruß Erik

  6. Hans Riehm

    Hallo. Schöner Bericht über das Lorbeeröl.
    Ich importierte 1997 Lorbeerseife aus der Türkei,leider stolperte ich lt dem Ordnungsamt über den Begriff „Behandeln von kosmetischen Mittel “ (den es in der EU-Richtlinie nicht gibt, dort ist der Paragraph nur substanzbezogen – das heißt, das Natriumsalz des Lorbeeröles, ein Bestandteil der Lorbeerseife- fällt nicht unter den EG-Verbots§, sonder nur das Oleum Lauri, wenn es in Cremes oder Lotion etc. pur und unbehandelt verwendet wird).Die deutschen Behörden wollten es halt ganz genau haben und fügten den Begriff Behandeln hinzu. Soweit so gut, ich hatte vor der Strafe Angst (Maximum 50 000 DM ) und verzichtete auf den weiteren Verkauf. Aber die Seife lässt sich nicht unterkriegen, denn sie ist das Beste, was es in dieser Hinsicht gibt, universell und sehr gehaltvoll-Kernseife vom feinsten !!
    Nun, was hat man unter Öl der Samen zu verstehen ? Meinen die Behörden , dass die allergenen Stoffe nur in dem Kernöl vorhanden sind ? Dann muß garantiert sein, dass das verwendete Öl nur aus dem Fleisch gewonnen wird ? Also kein gepresstes Lorbeeröl! Weiterhin müssten die kursierenden Fettsäurespektren bei diesen Seifen etwas anders aussehen als wie im Internet gezeigt.
    Was soll’s, ich beziehe meine Seife weiterhin aus den Dörfern, wo ich die Leute kennen, die die Rohstoffe herstellen und selber verarbeiten. Eine Lorbeerallergie auf Grund der Seife ist mir noch nie begegnet, sondern nur wegen des reinen Öles. Schade, die Seife verdient eine viel höhere Bewertung und sollte nicht für immer ein Nischenprodukt bleiben. Ich hoffe immer noch.
    Gruß, Hans Riehm

  7. erik

    Lieber Herr Riehm, auch wenn das BfR die Lorbeerölseifen gern verbieten würde und die Gesetzeslage auch ziemlich eindeutig ist, wird sich das so leicht nicht umsetzen lassen und ich sehe im Moment auch mehr ein stillschweigendes Akzeptieren. Trotzdem wären Sie als Importeur der Produkte verpflichtet, sich zum einen als Importeur von kosmetischen Mitteln bei der zuständigen Stelle zu melden und zum zweiten entbindet Sie das nicht von den notwendigen Zertifizierungen – die Sie, wenn es sich um Seifen handelt, die in kleinen Dörfern hergestellt werden, kaum vorweisen können. Allein dieses stellt ein eindeutiges Vergehen dar und das kann echten Ärger geben. Aus diesem Grund beziehen wir die Syrischen Seifen von Tadé; eine franz. Firma, die als Großhändler die Seifen nach Europa importiert und vertreibt. Sollte sich hier eine Behörde ärgern wollen, dann dürfen die sich mit den Anwälten von Tadé streiten. In Ihrem Falle streiten die sich mit Ihrem Anwalt und ich kann Ihnen schon jetzt sagen, was der Ihnen raten wird. Es tut mir leid und ich kann Ihnen die Sache sehr gut nachfühlen. Doch Sie gehen ein hohes Risiko. Mit freundlichen Grüßen,
    Erik Kormann

  8. Hans Riehm

    Dank für die ausführliche Antwort.
    Ich würde ja nicht die Seife aus den Dörfern importieren wollen- die aus den Dörfen für den Eigengebrauch -,sondern von einer kleinen, eingesessenen Firma, die seit vielen Jahren nach europäischem Umweltstandart produziert. Das verwendete Öl kommt aus den Dörfern und entspricht der Qualität der Firma Tadé, die ich auch kenne. Dieses Öl wird auch nach Syrien und Irak importiert und dort für die Seifenproduktion und Haarkosmetik verwendet. Ich werde mir mal wieder die Unterlagen aus dem Archiv holen.Mit dem BfR werde ich Kontakt aufnehmen zwecks Definition „öl der Samen „.Auskunft vom IKW gibt’s ja nur nur mit teurer Mitgliedschaft und dann auch nur von einem Juristen und nicht vom Fachmann Chemie !! Das habe ich schon alles hinter mir .
    Irgendwie habe ich doch wieder Lust, mich für diese Seife zu engagieren. Selbst habe ich viele Jahre in der Gegend gewohnt und mich intensiv mit der Gewinnung der Rohstoffe und der Herstellung der Seifen beschäftigt. Vertiefte Qualtitätsanalysen durch das damalige Labor Scheutwinkel in Berlin und die Uni in Antakya wurden durchgeführt. Mein Anwalt ist auch noch ganz gut informiert !
    Mal schauen. Ansonsten finde ich Ihren Blog wirklich gut. Ein Austausch von Informationen ist meiner Meinung nach sehr belebend und bringt neue Ideen.
    Ich habe früher alte Seifensiederbücher gesammelt, Etikettenvorlagen etc. Werde ich mir mal wieder aus dem Archiv holen und durchblättern. Ich komme bestimmt bald mal in die Torstrasse um Ihre Produktion zu begutachten. Gruß, Hans Riehm

  9. erik

    Lieber Herr Riehm, für die Herstellung von Kosmetik mögen europäische Umweltstandards in der Produktion auch schön sein, doch sie interessieren das Kosmetikrecht herzlich wenig und auch die Tatsache, daß es die gleichen Öle sind, die auch die Firma Tadé verwendet ist/ wird im Ernstfalle keine Ausrede sein. Wer Kosmetik importiert, der muß sich an verschiedenen Stellen melden und bestimmte Spielregeln einhalten. Das betrifft zum einen das Produkt und dann ganz formale Dinge, wie z.B. die Meldepflichten.

    Das IKW brauchen Sie für solche Dinge gar nicht. Was wollen Sie mit denen? Ich kann Ihnen auch sagen wie es laufen muß. 1. Sie brauchen aus Syrien alle Unterlagen (auf engl. oder deutsch) zu den verwendeten Rohstoffen. D.h., ein Kosmetikgutachter muß diesen Rohstoffpapieren entnehmen können, daß es sich bei den verwendeten Rohstoffen um Rohstoffe handelt, die für Kosmetik geeignet sind. Liegen die Papiere vor, dann haben Sie den ersten Schritt in der Tasche. Liegen die nicht vor, brauchen Sie ein Labor – besser in Europa – die Ihnen nach Analyse der Rohstoffproben Zertifikate für die Rohstoffe ausstellen. Wie solche Papiere aussehen, kann ich Ihnen an verschiedenen Bsp. gern zeigen. Jetzt darf die Firma nur noch mit diesen Rohstoffen arbeiten und das daraus entstandene Endprodukt muß von einem Kosmetiksachverständigen überprüft werden. Dieser Mensch prüft alle Papiere (also er überprüft noch einmal, ob das Produkt aus Rohstoffen hergestellt wurde, die für Kosmetik geeignet sind – deshalb sollten es engl. bzw. deutschspr. Unterlagen sein und syrische Stempel werden vielleicht etwas Mißtrauen wecken?) und dann schaut er sich das Rezept an – das muß die Firma leider rausrücken. Mittels dieser Unterlagen stellt er eine Verkehrsfähigkeitsbewertung aus und dann dürfen Sie loslegen. Also Meldung beim BVL, Meldung beim zuständigen Veterinär- und Lebensmittelam und Meldung bei der zuständigen Behörde für regionalisierte Aufgaben. Ist das alles erledigt, können Sie Geschäfte anrufen und Ihre Seife anbieten. Ganz ehrlich? Der Bedarf lohnt den Aufwand vermutlich nicht.

    Sie brauchen weder das IKW noch einen Anwalt.

    Bitte nicht in die Torstraße kommen – jedenfalls nicht, wenn Sie zu uns möchten. Unser Geschäft befindet sich in der Rosenthaler Straße 36, in den Rosenhöfen, ganz in der Nähe der Hackeschen Höfe.

    Ein schönes Wochenende,
    Erik Kormann

  10. Hans Riehm

    Hallo, Herr Kormann. Dank für Ihre ausführliche Schilderung der Schwierigkeiten eines Importeurs. Ich habe ja auch einige Erfahrung darin, da ich seit 25 Jahren mit dem Direktimport des „Schönheitsöles“ Monoi Tiaré Tahiti aus Französisch-Polynesien- kein EU-Mitglied – mein Leben finanziere. Ich werde die nächste Woche mal in der Rosenthaler Str. vorbeischauen. Vielleicht können wir die Diskussion noch vertiefen. Freue mich schon darauf, Ihre Seifensammlung zu besichtigen. Schönes Wochenende, Hans Riehm