Parfum & Kitsch

kitsch_parfumflasche

Kitsch als ästhetisches Ideal.

Es ist ein deutsches Wort, das mitten im sentimantalen neunzehnten Jahrhundert entstanden und in alle Sprachen eingegangen ist. Durch häufige Verwendung ist die ursprüngliche metaphysische Bedeutung verwischt worden: Kitsch ist die absolute Verneinung der Sch..; im wörtlichen wie im übertragenen Sinne: Kitsch schließt alles aus seinem Blickwinkel aus, was an der menschlichen Existenz im wesentlichen unannehmbar ist.

Milan Kundera, „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, Edition Richarz/ Verlag CW Niemeyer, Hameln, 1. Auflage 1989, S. 238

Kitsch ist überall und wie mir scheint, ist gerade die Parfumerie mit ihren bedeutungsschweren Geschichten und Umschreibungen der duftenden Kreationen, den teilweise bis hin zur Unhandlichkeit stilisierten Flakons und Verpackungen und den langweiligen Werbeversprechungen sehr nah am Kitsch. Und so wird es Zeit für eine Begriffsbestimmung aus aromatischer Sicht. Dabei geht es mir für den Anfang gar nicht um den Inhalt – über dessen Nähe oder Ferne zum Kitsch muß ich noch nachdenken – sondern um die Hülle. Jene üppig mit Emotionen und Versprechungen aufgeladenen Verpackungen aus Glas, Plastik und zahlreichen anderen Materialien.

Was ist Kitsch? Mit dieser einfachen Frage begann vor vielen Jahren ein Seminar bei Frau Prof. Dr. Karin Hirdina am Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt Universität zu Berlin, wo ich die Fächer Kulturwissenschaft/ Ästhetik belegt hatte. Und bereits nach der ersten Doppelstunde hatten wir ein wichtiges Kriterium für die beurteilende Frage, ob es sich bei einem zu betrachtenden Gegenstand nun um Kitsch handelt oder nicht, für uns herausgearbeitet: Kitsch ist eine Lüge. Eine Lüge des Inhalts und seiner Verpackung. Kitsch verspricht was er nicht halten kann. Kitsch hat weder praktischen Nutzen noch materiellen Wert. Kitsch lügt und in dieser ersten Betrachtung des Themas möchte ich mich mit den Design- und Materiallügen beschäftigen. Diesen auf Wertigkeit hin ausgerichteten Botschaften, welche uns Luxus und Eleganz, Einzigartigkeit und Hochwertigkeit versprechen. Selbst das Gehäuse billigster Plastikstaubsauger wird verchromt, damit unser Auge an schweren, robusten und dauerhaften Edelstahl denkt. Chrom ist, wenn er nicht dem Schutz des darunterliegenden Materials dient, Kitsch der schlimmsten Sorte. Ohne jede Funktion wird Hochwertigkeit suggeriert und Plastik kaschiert – eine erste Bestimmung von Kitsch. Wozu dient ein Sektkorken der keiner ist, wozu eine Holzumrahmung die in keine Hand paßt, wozu eine Flasche in Form eines Kristalls? Hat es der Inhalt derart nötig? Brauchen wir den Anschein zur Beruhigung der Vernuft? Was bleibt von einem Parfum, wenn es seiner Flasche beraubt wurde und sich die Flüssigkeit in feinem Nebel zerstäubt? Nichts als Geruch und die Feststellung, wie schön es doch ist, der Nase einen Duft zu gönnen. Kitsch entsteht dort, wo wir bereit sind etwas ernst zu nehmen, was uns auf emotionaler Ebene berührt und uns den Blick auf die Realität verstellt.

Die Quelle des Kitsches ist das kategorische Einverständnis mit dem Sein.

Kitsch ensteht dann, wenn wir immer und immer wieder den geliebten Duft entzückt hervorholen um uns und unsere Umwelt daran zu berauschen. Kitsch ist die Angeberei mit der scheinbaren Kostbarkeit einer Glasflasche, deren Inhalt auf uns und andere wirken soll. Allein der Wunsch nach Ausstrahlung, nach Wahrnehmung und Veränderung ist Kitsch. Die Träne, die wir dem letzten Tropfen nachweinen, das Pathos und auch die Ironie – alles Kitsch. Kitsch ist die Axt im Wald der Hochkultur und in Bezug auf die gewünschte Wahrnehmung, die Wirkung eines Duftes hin, bleibt nur festzustellen, daß Kitsch ein hohes manipulatives Potential besitzt. Kitsch ist das Werkzeug der Manipulation. Er harmonisiert, er verkürzt, er idealisiert, er verniedlicht und monumentalisiert – Kitsch glättet Widersprüche.

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    Und ich sehe noch den breiten Rücken, die muskulösen Schultern, den Absprung von der Klippe und jene scharf gebogene Linie des Körpers, die gleich einem Pfeil ins erfrischende Wasser des Ozeans eintaucht. Was braucht ein Mann mehr als diesen Duft, der Freiheit und Männlichkeit verspricht und dazu noch die Hoffnung, daß die Augen der Frau die Botschaft mit dem Duft auf mich übertragen. Plötzlich bist du der Mann, der da von der Klippe springt, dessen Körper so begehrenswert für Frauen scheint.

Alles nur Kitsch. Die Welt ist wieder im Lot und der Bierbauch hängt noch so tief wie vorher über dem Sofa. Da hilft kein Duft und keine noch so maskulin wirkende Flasche. Einzig die Autosuggestion macht uns Glauben, daß an der Botschaft was dran sein könnte.

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Susan Sontag nennt Kitsch ein Phänomen, welches zwar einen Namen hat, doch damit noch lange nicht beschrieben ist. Manchmal müßte man sich wirklich fragen, wo Kitsch endet und die bewußte Täuschung beginnt. Was, wenn der Inhalt nicht mit der Aufmachung harmoniert? Was, wenn sich herausstellen würde, daß der Inhalt weniger an Wert darstellt als der Flakon? Warum engen wir den kleinen Bereich unserer Wahrnehmungen – Beschauen, Anhören, Berühren, Beriechen, Schmecken – noch weiter ein? Warum gestatten wir dem Kitsch sich vor das Spiegelbild zu stellen? Ganz einfach, weil unsere Sinne gewohnt sind zu abstrahieren, schon sie lügen uns an, und täten sie dies nicht, würden wir vermutlich völlig schizophren durch die Welt stolpern. Unfähig zur Unterscheidung. Unsere Sinnesorgane glätten uns die Welt und ebnen die Wahl der Möglichkeiten etwas ein. Überall dort, wo wir bereit sind in Geschmacksfragen zu streiten, wo wir meinen, uns nicht gleich entscheiden zu können, wo wir unsicher und auf unsere Sinne zurückgeworfen sind – dort ist Kitsch. Um es grob zu formulieren, entsteht Kitsch fast immer dort, wo wir uns Idyllen schaffen. Die zeitgenössische Kunst ist voll davon und wer sich keinen BENTLEY leisten kann, kauft sich das Parfum gleichen Namens und spätestens auf die Zurschaustellung unseres Geschmacks/ unserer Vorlieben, die wir gern so wichtigtuerisch verteidigen (froh, endlich zu einem Urteil gekommen zu sein), folgt in aller Regel der Kitsch.

Erste Gedanken, ein kurzer Streifzug in Erinnerung an eine schöne, nun schon Jahre zurückliegende Zeit. Eine Erinnerung an die leider viel zu früh verstorbene Karin Hirdina (03.09.1941-25.09.2009). Weiterhin zum Thema empfehlen würde ich auf jeden Fall die Texte zur Ästhetik des Alltags von Konrad P. Liessmann („Das Universum der Dinge“ und „Kitsch„) natürlich auch den bereits o.g. Milan Kundera „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ sowie die „Phänomenologie des Kitsches“ von Ludwig Giesz. Und wer es lieber reich bebildert und etwas unterhaltsamer mag, dem sei Umberto Eco „Die Geschichte der Häßlichkeit“ ans Herz gelegt.

3 Kommentare zu “Parfum & Kitsch”

  1. Natacha

    Guten Morgen Erik,

    Ich sehe ein halbes Foto der Flasche von Mona di Orio… willst Du damit Kitsch „illustrieren“? Weil es ein Champagnerverschluss hat?

    Grüß in die Hauptstadt

  2. erik

    Liebe Natacha,
    ich habe die Flasche aus einem besonderen Grund fotografiert. Zum einen finde ich den Inhalt und die Flasche sehr schön und zum anderen wollte ich damit zeigen, wie schwer das Thema einzugrenzen ist. Im Sinne eines Sektkorkens handelt es sich in diesem Falle ganz eindeutig um eine Nachahmung, um ein Stilmittel, welches weder im Material noch in der Funktionsweise dem Original nahe kommt. Das bedeutet, wenn man es auf das Material bezieht – Kitsch. Auch die Funktion hat nichts mit einem Korken gemein – die Flasche hat ja ein VAPO und deshalb wäre der Korken überflüssig und das bedeutet – Kitsch. Auf der anderen Seite spielt der Verschluß des Parfums aber mit sehr vielen Emotionen und er soll etwas symbolisieren und an dieser Stelle wäre ich sehr unsicher, ob man noch von Kitsch reden könnte. Deshalb, weil eine klare Entscheidung so schwierig ist, habe ich mich für Mona di Orio entschieden. Ich hatte auch gehofft, daß einige Menschen mehr vielleicht einen Kommentar schreiben würden und es einen kleinen Gedankenaustausch gibt. Aber Du bist die erste.

    Was denkst Du?

    Viele Grüße,
    Erik

  3. Flüge

    Hallo Leute,

    ich habe in den letzten 2 Jahren viele Frauen kennengelernt, weil sie sich in meinen Körpergeruch verliebt haben.
    Ich rede nicht von meinem Eigengeruch, sondern von einem Gemisch aus Eigenduft und „Jean Paul „.

    Das Parfüm ist das Geilste der Welt. Ich gebe gerne 50€ für eine Flasche aus.
    Jedes Jahr auf´s Neue!