aromatische Abschweifung

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Waschschüsseln sind Ende des 18. Jahrhunderts offensichtlich die am weitesten verbreiteten Hygieneutensilien. Bei den Reichen sind sie aus Zinn oder Fayence (und manchmal fest unter einer Wasserquelle installiert), bei anderen Bevölkerungsgruppen aus Sandstein oder Ton und werden meist zum Geschirr gezählt. Besonders im Volk nimmt ihre Zahl Ende des 18. Jahrhunderts zu. Sie dienen zum Waschen von Gesicht und Händen, wohinzu die Pflege der Kleidung und das Wechseln der Leibwäsche kommt: Insgesamt gesehen handelt es sich um jene traditionelle Form der Sauberkeit, die sich im wesentlichen am Anstand und der Sauberkeit der Kleidung und der Zahl der Hemden, Taschenrücher und Strümpfe mißt. (…)

An den Teilwaschungen werden zwei verschiedene, Ende des 18. Jahrhunderts existierende Sauberkeitsprinzipien deutlich: Zum einen handelt es sich um eine Sauberkeit, die auf das individuelle Wohlbefinden und die Erhaltung der Gesundheit ausgerichtet ist und die direkte Pflege der Haut impliziert, zum anderen achtet man auf eine Sauberkeit, deren oberstes Kriterium eine anständige äußere Erscheinung ist. Das erste dieser Beiden Prinzipien läßt sich natürlich nicht mit den heutigen Vorstellungen und Praktiken vergleichen, doch zeigt es schon den Weg, den man im 19. Jahrhundert einschlagen wird. (…)

Natürlich gehört die schöne Postkarte, die wir vielleicht für eine neue Schokobade verwenden werden, in eine andere Zeit. Doch irgendwie hat mich das Motiv daran erinnert, wieder einmal in Georges Vigarello Wasser und Seife, Puder und ParfumGeschichte der Körperhygiene seit dem Mittelalter – zu blättern. Und wenn man bedenkt, daß spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Türen der Toiletten und Bäder stets geschlossen gehalten wurden (was vorher nicht unbedingt üblich war) – damit die gewisse Lust, welche man der Körperpflege seitdem zugestand, als Distanzgefühl begriffen und organisiert werden konnte -, wird schnell deutlich, welchem Reiz das abschließbare Bad (jener diskrete Ort der Sauberkeit) damals unterworfen war. Eine einfache, sittsame Szene als höchst anregendes Postkartenmotiv. Wie niedlich. Wir machen eine Schokobade daraus, da bin ich sicher.

Ich glaube, diesen Satz muß ich morgen (wenn ich ausgeschlafen bin) noch einmal entwirren. Doch für heute ist wahr, was wirr war.

Georges Vigarello Wasser und Seife, Puder und ParfumGeschichte der Körperhygiene seit dem Mittelalter, Campus Verlag, Frankfurt/ New York, 1992

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