Grooming für Männer

Männer brauchen keine Lippenstifte und keinen Nagellack. Männer brauchen richtiges Spielzeug – Rasiermesser, Rasierpinsel und lauter andere Sachen. Technischer Schnick Schnack in Küche und Bad kommt immer gut, zum Beispiel ein gelbes U-Boot-Bad-Radio. Ich bin begeistert.

gelbes-u-boot-radio

Über Metrosexualität und gezupfte Augenbrauen, Lippenstifte für Männer, Nagellack und rasierte Beine brauchte ich noch nie lange nachzudenken, weil mein Verstand sich den Moden zunehmend verweigert. Was nicht heißt, daß ich all diese Dinge kritisieren würde. Von mir aus kann sich jeder so schminken und kleiden wie es ihm gefällt und wenn mit der Toleranz gegenüber Äußerlichkeiten auch eine Großzügigkeit des Geistes einhergeht, dann ist es noch besser. Doch natürlich mache ich mir hin und wieder Gedanken, wie man den Männern das Badezimmer nahebringen könnte. Nassrasur z.B. ist so eine Erfindung. Da verschwinden die Herren für längere Zeit im Bad, wetzen das Messer und führen scharfe Klingen kunstvoll über die Wangen. Da wird gesalbt und getan, kommen unzählige Rasierseifen zum Einsatz, da gibt es ein Pre- und ein After Shave, Düfte über Düfte und sogar Puder – ja, einige Herren pudern sich – werden aufgetragen. Die Männer erobern das Bad. Also den Ort, den Frauen für die Transformation der Männer benötigen, weil diese auf das Körperpflegeverhalten von Männern einen sehr großen Einfluß ausüben – mehr als umgekehrt.

Das Badezimmer war also nicht der Ort, wo Frauen von Männern unterdrückt, sondern wo Männer von Frauen zivilisiert wurden. (…)
Gegenwärtig nutzen die Frauen ihren historisch erworbenen Vorsprung an Sensibilisierung in Sachen Körperpflege, um die Männer auf ihr Niveau zu heben – der Prozeß der Zivilisation ist noch lange nicht abgeschlossen.(1)

Ob Grooming, Wellness oder Cocooning, die Bedeutung des Badezimmers wächst, weil Körperpflege, unterstützt durch reichlich Werbung, zunehmend ritualisiert wird. Bücher und Zeitschriften reichen schon lange nicht mehr für eine gemütliche Stunde im Bade aus. Da braucht es edle Seifen und wohlriechende Lotionen, Düfte hier und Wässerchen da, die Auswahl an kosmetischen Produkten ist unglaublich und die Industrie spricht von enormen Wachstumsmöglichkeiten. Was denn noch? Mein Bad gehört mir denke ich manchmal, hier bin ich Kapitän, hier entscheide ich, mit was ich mich wasche und creme. Mein Bad ist der Ort, wo die teuersten Werbungen Schiffbruch erleiden, weil ein einziges Stück Seife für Kopf und Körper genügt, damit ich mich glücklich und gepflegt fühle. Doch es gibt Dinge, auf die kann ich nicht verzichten, weil ich sie niedlich und unnütz finde. Gerade dieses überflüssige macht sie so begehrenswert und ich kann durchaus eine Verbindung zwischen maritimen Kitsch und einer Wohlfühlstunde im Bad erkennen. Wer hätte gedacht, daß mich ein gelbes U-Boot-Bad-Radio so glücklich machen könnte. Endlich Nachrichten im Bad, Wasser auf die Mühlen der politischen Phrasen und Hörspiele im Duschregen. Oder einfach nicht einschalten und die Ruhe genießen. Aber so ein Duschradio hatte ich mir schon lange gewünscht.

(1) Christina Brede, „Das Instrument der Sauberkeit – Die Entwicklung der Massenproduktion von Feinseifen in Deutschland 1850-2000“, Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt, Nr. 26, Waxmann, Münster, New York, München, Berlin, 2005

Die Kommentarfunktion ist derzeit geschlossen.