Parfum – alles echt, die reine Natur

Die Frage ist: Darf man seine Kundinnen und Kunden eigentlich belügen, wenn man das Gefühl hat, daß diese es so wollen? Alles echt?

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Egal ob Rose und Vanille, Zeder, Jasmin und Frangipani, Feige, Rote Früchte, Moschus, Farn und auch Amber, selbst edelster Lotus und manchmal auch Gold, ja sogar das Glück und ganze Mandarinen … in den richtig guten und teuren Parfums ist natürlich alles echt – das weiß doch jeder. Die einen nehmen natürlich nur solche Parfums und benutzen nichts anderes, während andere genau das haben wollen. Ein Parfum ganz ohne Chemie, einen Duft, der nur aus natürlichen Zutaten besteht. Schließlich hat die beste Freundin auch genau so einen Duft und der riecht so wunderbar lecker nach Kokos, Jasmin und roten Früchten. Alles echt. Ganz Chypre in einer Flasche, das Extrakt der Insel zum sprühen (Chypre = Zypern). Es ist zum davonlaufen. Was soll man denn seinen Kundinnen und Kunden erzählen, wenn sie mit derartigen Erwartungen zu einem kommen? Manchmal lasse ich in meiner Verzweiflung die eine oder andere Dame an echter Rose (leicht fettig), Jasmin (leicht nach Katzenpipi) und Frangipani (deutlich medizinisch) riechen. Doch selbst diese Notwehrmaßnahmen überzeugen nur wenig, wenn Bekannte XY – die hat Ahnung und nimmt nur vom Feinsten – in Parfumerie XY (wo normale Menschen sich gar nicht reintrauen), von Verkäuferin in weißem Kittel (fast schon Apothekerin) immer nur ganz reine Essenzen kauft. Wobei wir damit schon beim wichtigsten Kriterium wären. Richtig edel sind natürlich nur die Essenzen. Die sind hochkonzentriert, rein und selbstverständlich teuer. Aber nun immer schön der Reihe nach. Bevor ich mich in Rage schreibe und noch anfange die Honigseife durch den Naturseifenkakao zu ziehen (ich sage aber gleich vorweg, daß auch die Honigseife nicht von den Bienchen gemacht wird), koche ich mir einen Tee und dann geht es hier weiter.

Kurz Pause.

Gestern war wieder so ein Tag. Murmeltiertag, im Abstand von gut 6 Monaten. Da war sie wieder, die kleine, ältere Dame mit ihren weiten Gewändern und dem großen Interesse an ESTEBAN Düften. Bloß gestern war es nicht das Fraicheur Andalouse, nein, gestern nahm sie sich das Secrete Afrique zur Hand und meinte – so als ob sie noch nicht viermal danach gefragt hätte – ob ich ihr was zur reinen Natürlichkeit der Inhaltsstoffe sagen könnte. Das würde so gut riechen und das wäre ja dann wohl echt. An diesem Punkt mußte ich kurz überlegen, ob sie denkt, daß ich mich nicht mehr ans sie erinnern könnte, oder ob sie selbst vielleicht unter Gedächtnisstörungen leidet. Das muß ich sie mal fragen. Aber der Duft, den sie sich ausgesucht hatte, der ist natürlich nicht rein natürlich. Das steht da auch nicht drauf. Zack und wieder nichts gekauft. Wenn sie wiederkommt lüge ich sie an. Ich muß herausfinden was sie von mir hören will. Kann ja auch sein, daß sie nur darüber reden will. Und dann ist da noch der nette Herr, der mir von seinen Weltreisen berichtet, wo er im tiefsten Orient an noch viel tiefern Düften gerochen hat. Parfums für Könige, sündhaft teuer und alles echt. Donnerlittchen! Dumm ist nur, daß ich gestern Dank einer sehr klugen Stammkundin in den Besitz einer Probe des Amouage gekommen bin und Stephan einen Gaschromatographen/ Massespektrometer besitzt und diesen auch bedienen kann. Jetzt will ich es wissen.

Was soll ich meinen Kundinnen und Kunden sagen, wenn diese mir erzählen, VerkäuferIn XY in XY hätte aber zu genau diesem Feigenduft gemeint, da wären nur natürliche Sachen drin. Oder was wollen denn die Damen hören, wenn schon in der Duftbeschreibung von Moschus & Amber die Rede ist? Gibt es wirklich Parfumerien, die ihren Kundinnen und Kunden erzählen, in Amberduft bla bla bla wäre nur echter Amber drin? Ein Parfum aus reiner Pottwalkotze (Amber gris) und nichts weiter? Zwischen Amber, Amber gris und Ambre gibt es himmelweite Unterschiede. Oder halten die Leute, wenn sie dann zufällig zu mir kommen, mich für blöd? Will man mich beeindrucken? Muß man im Angesicht der wenigen Düfte die wir anbieten schnell noch eins draufsetzen? Kann ja auch sein. Vielleicht sollte ich mir mal einen Anzug anziehen oder es gleich im weißen Kittel versuchen. Wäre mal gespannt, ob solche Äußerlichkeiten über die Natürlichkeit hinwegtäuschen können.

Zugegeben wird es für die Kundinnen und Kunden sehr schwierig, wenn ihnen die (reine) Natürlichkeit ihrer Kosmetik/ ihrer Düfte am Herzen liegt und sie sich aus diesem Grund eine Marke ausgesucht haben, bei der Natürlichkeit zum Image gehört. Bunte BIlder von Blümchen, Wiesen und Wäldern. Fotos von Wellen, Palmen und nackter Haut und exotische Rohstoffe, von denen man noch nie gehört hat. Was tun, wenn die Werbung das einfache Landleben verspricht? Schlichtheit, Gedanken an ein Leben in Natürlichkeit – alles echt. An dem Punkt frage ich mich, warum diese Aussagen mit Chemie, mit synthetischen Inhaltsstoffen nicht vereinbar sein sollten. Warum will die Dame vor mir nur unbedingt eine Naturseife, eine Creme ohne Glycerin (ein Produkt der Fettstoffspaltung, was bei handgemachten Seifen zudem automatisch entsteht) warum will sie hören, daß der Duft (den sie sich gerade ausgesucht hat) rein natürlich ist? Warum? Der ganze Mensch ein Kunstprodukt. Haarspray, Lippenstift, Rouge, synthetische Kleider, künstlicher Schmuck, die Tasche aus GoreTex – aber das Parfum, das muß unbedingt 100% echt sein. Ist es? NEIN.

Wer ein Naturparfum möchte (einen Duft, der nur aus natürlichen Zutaten besteht), der muß in einen Bioladen für Kosmetik gehen und sich dort beraten lassen. Oder sie gehen in ein Geschäft, wo man ihnen ein Parfum nach ihren Wünschen anfertigt. Achten sie einfach darauf, daß ausdrücklich mit der reinen Natürlichkeit aller Inhaltsstoffe auf der Verpackung geworben wird.

5 Kommentare zu “Parfum – alles echt, die reine Natur”

  1. Stephan

    Ja, auf das Amouage bin ich auch schon ganz gespannt 🙂 Wenn ich einen kurzen Skiurlaub überstanden habe, setze ich mich gleich dran.

    Dein Problem kann ich gut nachvollziehen, aber wie soll es der Kunde denn auch anders beschreiben können? Schau Dir doch mal myparfuem.de an. Dort wird einem gar keine andere Wahl gelassen, als zu glauben, ein Parfüm würde tatsächlich aus „Iris“, „Orchidee“ und „Geissblatt“ etc. zusammengestellt. Daß das nur Phantasienamen für komplexe Chemikaliengemische sind, kann doch keiner ahnen! Würden die Kunden etwas bestellen, was aus Methylionon, Phenylethylalkohol und Piperonal zusammengestellt ist? Wohl kaum. Scheinbar ist Fachwissen zu Parfüms völlig verpönt.

  2. erik

    Lieber Stephan,

    ich finde es nicht schlimm, daß man als Hersteller versucht, die Dinge in eine bildhafte Sprache zu übersetzen. Ein Parfum mit Kopfnote Phenylethylalkohol und einer Herznote aus Piperonal würde ich mir vermutlich auch nicht kaufen, wenn das die Beschriftung auf der Verpackung wäre. Schließlich hat ja auch niemand die Vorstellung, wie die Riechstoffe wirken. Doch was mich wundert ist die Tatsache, daß die Leute gerade bei Parfum unbedingte Natürlichkeit erwarten und ich kann inzwischen jede Verkäuferin verstehen, die auf die Frage, ob das alles echt wäre, zügig mit dem Kopf nickt. Woher kommt die Erwartung/ die festgefügte Meinung, daß der besondere, der teure, der seltene Duft aus rein natürlichen Inhaltsstoffen besteht/ bestehen muß? Warum traut man der Chemie diese Qualität nicht zu?

    Gruß Erik

  3. Nina

    Stephan macht doch auch mit „NATUR“ sein Marketing: „and worship me contains the most wonderful raw materials nature has to offer. No compromises.“

    Wenn die Qualität von Chemie (Riechstoffen) nicht kommuniziert wird, wie soll sich ein Urteil bilden können?

  4. Stephan

    Liebe Nina,

    „and worship me“ entstand unter der Maßgabe „was passiert, wenn ich die allerbesten Sachen aus der Natur kombiniere und mich dabei nicht an althergebrachte Ideen halte“.
    Der Spaß hat leider seinen Preis, allein schon wegen der Unmengen an Sandelholzöl, die ich verwende.
    Das bedeutet nicht, daß ich nicht auch einmal ein ganz und gar künstliches Parfüm machen werde. Aber ich werde nie so einen Unsinn erzählen wie „Pflaume, Weißer Tee und ein balinesisches Tempelfeuer“. Da dreht sich mir der Magen um. Wenn es vornehmlich nach Strawberry Furanone und Benzaldehyd duftet, dann werde ich das auch sagen. Und höchstens noch zufügen, daß es mich ganz persönlich an Blausäure auf Erdbeerkuchen erinnert 🙂

    Stephan

  5. sirrpa

    interessanter blogartikel. aber: gibt es parfums aus rein natürlichen zutaten wirklich nur im bioladen? kann ich mir nicht vorstellen. ich meine, vor kurzem über „the different company“ gelesen zu haben, dass nur mit natürlichen stoffen gearbeitet wird. und das sind ja nun keine düfte, die man im bioladen erhält.