Stinkt wie Klostein, riecht nach Oma

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Stinkt wie Klostein oder riecht nach Oma, Maiglöckchen geht ja gar nicht und die Cedernote erinnert an Mottenkugeln. Was der eine oder die andere liebt, muß nicht jedem gefallen. Fragt sich nur, warum man der besten Freundin oder dem Freund die Lust auf Duft verderben muß, indem man den fremden Geschmack mit bösen Vergleichen kritisiert. Gibt ja auch Leute, die denken, daß gutes Parfum wenigstens 100 Euro kostet und niemals im Kaufhaus steht. Stinkt wie Klostein und alles ist gesagt, alle anderen haben ohnehin keine Ahnung und der eigene Geschmack ist natürlich das Maß der Dinge.

Woher kommt diese Radikalität, wenn es um Aromen und Gerüche geht?

Gerüche sind wie Oppositionen, sie stehen für Differenz, Gegensätzlichkeit, Kontrast und Widerspruch. Es ist unglaublich, wie sehr ein Parfum, ein Geruch, polarisiren kann. Alles nur Geschmackssache möchte man meinen und das Thema zu den Akten legen – wo nichts riecht, gibt es keine Auseinandersetzung um die Frage des Wohlgefallens -, doch in dem Moment, wo uns ein Geruch störend in die Nase steigt gehen wir auf die Barrikaden. Warum?

Ein wichtiger Grund hierbei sind unsere Erinnerungen, unsere geruchliche Sozialisierung. Da ist der Duft von Haut und Milch – die Brust der Mutter (Vanille mag fast jeder), die Wohnung, die Bettwäsche, der Weichspüler, mit dem die Lieblingssachen gewaschen werden mußten, die ganze Wohnung, Opas Pfeifentabak, das Essen, der Kindergarten, Schule, Krankenhaus, das Haar der Freundin – alles. All diese Erinnerungen sind mit Gerüchen verknüpft. Doch wehe wehe, wenn diese Erinnerungen nicht positiv waren. Dem Parfum gnade Gott, was mich auch nur andeutungsweise an Erlebnis xy erinnert, an genau die Situation, die ich eigentlich verdrängt hatte. Nur was der Kopf kann, ist der Nase unmöglich und dann plautzt es unaufgefordert und grob heraus: „stinkt wie Klostein“.

Einen weiteren Grund meine ich in der massenhaften Verbreitung von Düften zu erkennen. Inzwischen muß nicht nur unser Körper und unsere Wäsche gut riechen. Nein, wir parfumieren einfach alles, was eigentlich keines Extraduftes bedarf. Kerzen, Lederwaren, Stoffe, Autos, Computer, Verpackungen aller Art, Spülmittel, Reinigungssprays, Haarspray (paßt das Haarspray eigentlich zum Parfum?), ganze Kaufhausflächen, Klosteine. Und wir parfumieren diese Dinge mit genau den Stoffen, die wir ursprünglich aus ganz anderen Zusammenhängen kennen. Was kann die Zitrone dafür, daß jeder zweite Klostein so riecht und die Vanille ist nicht am billigen Geruch unzähliger Duftkerzen schuld. Ich auch nicht, denke ich da so bei mir und verfluche insgeheim einen Teil der Duftstoffindustrie.

Nur wie erklärt man die Abwertungen in Worten? Wie erklärt man den Hochmut gegenüber diesen oder jenen Düften? Woher rührt das Bestreben, die Dinge – die eigentlich gar nicht miteinander zu vergleichen sind – auf eine gemeinsame Stufe zu stellen? Warum fast ausschließlich nur negative Vergleiche, wo man doch im Angeruch einer Zitronenseife auch an ein leckeres Eis denken könnte? Eine viel schönere Erinnerung und auf jeden Fall weniger beleidigend als der völlig unschuldige Klostein. Warum läuft die Unterscheidung und die Beurteilung der Duftqualität häufig auf die Kritik des anderen hinaus?

Folgendes Zitat ist eher selten zu hören:

Den Duft kann ich mir gut an Dir vorstellen, der paßt zu Dir und ich bin mir sicher, daß er auch Deinem/ Deiner … gefällt. Der ist schön blumig oder frisch, das ist genau richtig für Dich Kauf Dir den mal.

Viel häufiger heißt es:

Was ist das denn für ein Zeug? So riecht ja mein Spülmittel. Nein, also so etwas würde ich nie tragen. Was ich benutze weißt Du ja. Hab mir erst letzten Monat wieder eine Flasche für (dreistelliger Betrag) gekauft und das ist überhaupt die einzige echte Zitrusnote. Alles andere ist ohnehin künstlich.

Erstere Variante zeugt in meinen Augen mehr von Freundschaft, weil der eigene Geschmack nicht hervorgehoben wird und es zu keinem Vergleich kommt, der mit der Abwertung des anderen einhergeht. Ich sage aber gleich dazu, daß ich diese oder ähnliche Sätze nur selten zu hören bekomme. Häufiger, wenn nicht alltäglich, ist Variante Nr. 2, bei der schon mal klar ist, daß bei manchen Leuten das Spülmittel so teuer wie bei anderen das Parfum und der eigene Geschmack das Maß der Dinge ist. In solchen Fällen liegt mir die Frage auf der Zunge, ob es sich bei den beiden Personen um gute Freunde oder schlechte Feinde handelt.

Zum Schluß sei noch erwähnt, daß sich ParfumliebhaberInnen, wenn sie im Zustand des völligen Gelangweiltseins nur am Sprühkopf eines Parfums riechen und sogar noch die Verschlußkappe drauflassen (weil das bei ihren feinen Nasen absolut ausreicht), bei mir nicht als KennerInnen outen. In solchen Fällen denke ich mir still meinen Teil.

3 Kommentare zu “Stinkt wie Klostein, riecht nach Oma”

  1. LaTanguera

    Interessante Fragestellung. Meiner Meinung nach kommen die mehr oder weniger drastischen Beschreibungen/Ablehnungen oder auch Lobpreisungen daher zustande, dass Duft, gleich welcher Herkunft, sofort das limbische System anspricht/erreicht. Das ist eben sofort zuständig, meldet Einschätzung oder Gefühl, ruft Erinnerung hervor etc.
    Möglichweise kommen daher auch die spontan geäußerten partiell drastischen Verlgeiche. Weil eben unreflektiert gerochen und wahrgenommen wird, kommt auch ungefiltert spontane Assoziation.
    Halt nur eine Idee…

  2. erik

    Liebe LaTanguera, da ist ganz bestimmt was dran und mir ist schon klar, daß der Mensch nicht nur ein Kultur- und Kunstprodukt ist. Viel ist Genetik und Biologie, viel ist Chemie und trotzdem bin ich sicher, daß unser großes Hirn vor den Mund geschaltet ist und da wir der Nase im Grunde genommen noch immer eine eher untergeordnete Funktion im Spiel der Sinne beimessen, frage ich mich, ob wir uns da nicht ein bischen herausreden, wenn wir die spontanen Äußerungen erklärend entschuldigen. Wenn ich ehrlich bin, dann vermute ich etwas anderes hinter diesen nasalen Ausbrüchen. Ich denke, es ist die Eigenschaft vieler Menschen – und die halte ich für ein Sozialisationsprodukt – sich als Person über andere stellen zu wollen. Ganz platt formuliert könnte es lauten: Ich trage das bessere Parfum, also habe ich mehr Ahnung davon als Du … mein Geschmack ist der bessere … usw.
    Gleiches beobachte ich oft, wenn sich Leute über Wein und Whisky unterhalten, das gibt es bei Reisebeschreibungen und div. Erlebnissen. Kaum eine Sache, die man so stehenlassen kann. Das Leben ist wohl ein Wettbewerb auch in Geschmacksfragen? Vielen Dank für den Kommentar und wenn es zu LaTanguera auch eine schöne Internetseite gibt – TANGO? – dann darf die hier ruhig mit genannt werden.
    Gruß E. Kormann

  3. LaTanguera

    Lieber Erik, Tango ist für mich leider -aktiv ausgeübt- Vergangenheit. Die ollen Knochen… Es gibt keine Tango-Seite mehr, aber eine ganz junge über meine Leidenschaft Parfum/Flacons – die ich hier nenne, und noch 2 andere, die aber halb-kommerziell sind. Vielleicht ist das hier nicht angebracht…
    LG, LaTanguera