Was ist Kritik?

Was ist Kritik? Eine Frage, auf die Michel Foucault in seinem gleichnamigen Büchlein schon auf den ersten Seiten eine Antwort gibt: „Kritik ist die Kunst nicht dermaßen regiert zu werden.“

Eine Aussage, welche im Wahljahr 2011 von besonderer Bedeutung ist und über die ich immer und immer wieder neu nachdenken muß. Kaum ein Buch hat mich während des Studiums so beschäftigt. Läßt sich die Frage auf andere Bereiche übertragen? Kann man mit rein lebenspraktischen Antworten dem Thema gerecht werden, ohne den ursprünglichen Text, dessen Intuition, zu verletzen? Als Michel Foucault (1926 – 1984) den Text 1978, als Vortrag im Anschluß an eine Japanreise der Öffentlichkeit der Société francaise de philosophie vorstellte, hatte er etwas anderes im Sinn. Hatte er? Die kritische Haltung gegenüber der modernen Zivilisation ist für Foucault jedenfalls charakteristisch und Kritik erfüllt für ihn eine wichtige Aufgabe. Sie hat die Funktion, der Philosophie den Anspruch der Nützlichkeit zur Seite zu stellen. Die Fähigkeit zur kritischen Position ist eine Tugend, enstanden aus der Verbindung von Macht, Wahrheit und dem Subjekt. Einem Subjekt, welches sich das Recht nimmt, die Wahrheit auf Machteffekte hin zu überprüfen und welches bereit ist, hier einen kritischen Diskurs zu führen. Überlegungen, die das Resultat von Kenntnis und Erfahrung sind – von Reflexion. Fest steht, man muß den Text kennen, wenn man ihn kritisiert – die Umstände und Verhältnisse. Kennen wir sie? Sind wir in der Lage, die Gegenstände der Kritik wirklich zu bewerten? Reichen persönliche Erfahrungen aus, wenn es darum geht, Stimme zu geben, Meinung zu äußern? Kann Foucaults Text so gelesen werden?

Keine Ahnung, würde ich im Moment sagen und ich weiß nicht, wer da manchmal vor mir steht. Mit ParfumliebhaberInnen ist es wie mit Weinkennern und Schokoladensüchtigen. Im Zweifelsfalle haben die immer den besseren Geschmack und man selbst ist einfach noch nicht so weit; wenn man nicht gar der schlechtere, dümmere Mensch ist, weil man den hohen Anforderungen nicht gerecht wird. Ich liebe Amarone Weine und schon sagt mein Gegenüber, daß Barolo viel besser ist. Toblerone mag ich auch ganz gern, natürlich Vollmilch und schon teilt man mir mit, der Kakaogehalt in diesen Supermarktprodukten wäre viel zu gering – quasie Schrott – und ich müßte unbedingt mal Schokolade mit wenigstens 78% Kakaogehalt probieren. Keine Frage, von vielen Sachen habe ich keine Ahnung – ich kritisiere sie nicht. Nach meiner Meinung befragt, bleibt nur die Möglichkeit, den eigenen Geschmack, die eigenen Vorlieben zu benennen. Nur warum werde ich genau dafür kritisiert? Sollte man den Text wirklich nicht doch lieber kennen?

Und da ist wieder so eine selbsternannte Kritikerin, die nur aus 10 cm Entfernung an den Verschlüssen riecht, um diese sichtlich gelangweilt wegzustellen. Dann entdeckt sie die kleine Vitrine mit den Rohstoffen und sie sieht den Weihrauch. Selbstverständlich darf sie daran riechen und ich muß feststellen, daß auch der Weihrauch nicht ihren Vorstellungen entspricht. „Das ist kein Weihrauch junger Mann. Oder nur in ganz schlechter Qualität.“ Grußlos geht sie hinaus – egal, zur Begrüßung gab es auch nur ein huldvolles Kopfnicken. Mein Gott ist das peinlich. Doch wie bewertet man einen Duft? Ich habe so um die 300 Riechstoffe (natürliche Öle und Chemicals) kennengelernt, eine sehr geringe Auswahl und nur von den wenigsten dieser Rohstoffe kenne ich verschiedene Qualitäten. Um so mehr bin ich beeindruckt, wenn ich in den verschiedenen Foren die Kommentare zu den schönsten Parfums lese. Da gibt es Tipps für die Hersteller und natürlich müssen Leute wie Parfumeur XY aus Paris noch viel lernen. Die Rose dort ist Schrott und jene Vanille hier riecht billig. Wissen sie wie teure Vanille als Rohstoff riecht, kennen sie den Unterschied zwischen Vetiver, Vetiveryl acetat und Vetyver boubon Qualität? Wie weit geht das Interesse am Parfum? Lesen sie? Kaufen sie sich ätherische Öle, um wenigstens einige Rohstoffe beurteilen zu können? Überprüfen sie regelmäßig die eigenen Assoziationen (schnuppern sie mal im Supermarkt an einem Würfel Kokosfett), oder gefällt ihnen die Attitüde der Kritik?

Diese Fähigkeit zur Kritik bewundere ich sehr. Mir fehlt dafür das Selbstvertrauen und das Selbstbewußtsein. Mir fehlt die Sachkenntnis, mir fehlt der Text und ich staune, wie groß das inhaltliche Wissen über Parfum – die Rohstoffe und die Herstellung – einiger Leute ist, die sich z.B. im Internet über Parfums austauschen. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen komme ich mir klein und ungebildet vor. Nie käme ich auf die Idee, Jean-Paul Guerlain Empfehlungen zu geben und mich abfällig über ETRO zu äußern. Logisch, die Ansprüche sind hoch und selbst CHANEL kann die nicht immer erfüllen.

Oder würde es nicht einfach reichen, wenn man sagt, der Duft gefällt mir nicht? Das würde unter Umständen bedeuten, auf ein Stück Selbstdarstellung zu verzichten und ganz im Sinne Foucaults Kritik zu üben, wenn man den Text kennt und mir fällt wieder die Antwort auf die eingangs gestellte Frage ein: Sich nicht auf diese Art regieren zu lassen, was im Internet ganz leicht ist. Man braucht nur nicht hinzuschauen.

An dieser Stelle möchte ich auf zwei Kritiken aufmerksam machen, die sich deutlich vom gewöhnlichen Stil abheben.

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+ Q PERFUME BLOG Eau de Froehliche

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PERFUME SHRINE Eau de Froehliche

Ein Kommentar zu “Was ist Kritik?”

  1. anke

    Hm, kenn ich auch zur Genüge, den dicken Hals krieg ich, wenn meine Seifen und mein Laden mit Lush verglichen wird oder mir Leute Vorträge halten über ätherische Öle und Natur pur und dann zur buntesten und mit PÖ bdufteten Seife greifen. Mittlerweile bin ich da entspannt und lächle dazu nur. Den Kopf schütteln tue ich hinten in der Werkstatt, es gibr halt Leute, die kennen und wissen Alles und zu Jedem fällt Ihnen was ein. Ärger Dich nicht. Liebe Grüße von Rügen
    Anke