Von Oud & Adlerholz & Seidelbastgewächsen

Artikel II zum Thema Adlerholz/ Oud

Ich hatte angekündigt, das Thema OUD von hinten aufzurollen und deshalb zuerst das Autorenkürzel Roxb. erklärt. Und weil ich gedanklich schon viel weiter bin und ständig in meinen botanischen Fachbüchern blättere, stelle ich meinen lieben Leserinnen und Lesern vor, was Otto Warburg (Prof. Otto Warburg!) vor fast 90 Jahren dazu schrieb. Man muß bei solch alten Nachschlagewerken natürlich immer aufpassen, wie zeitgemäß z.B. die Systematik noch ist. Aber keine Sorge, ich werde in weiteren Artikeln natürlich auch aus modernen Lehrbüchern zitieren und im Falle von OUD, haben sich die wichtigen Zuordnungen nicht geändert.

ORDNUNG Seidelbastartige/ Thymelaeales
FAMILIE Seidelbastgewächse/ Thymelaeaceae

zu Gattungen und Arten komme ich dann später! Jetzt erteile ich Otto Warburg das Wort.

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Thymelaeaceae oder Seidelbastgewächse

Die etwa 460 Arten umfassende Familie der Thymelaeaceae oder Seidelbastgewächse besteht aus Sträuchern oder meist kleineren Bäumen, seltener sind Kräuter oder Stauden. Auch Kletterpflanzen finden sich in der Familie, und zwar sowohl Spreizklimmer und Winder als auch Rankenkletterer. Die Blätter sind stets ganzrandig, häufig gegenständig, gewöhnlich schmal und klein, oft sogar linealisch bis nadelförmig, meist kahl ohne Nebenblätter. Sehr charakteristisch sind die sehr stark ausgebildeten, ungemein zähen und seidenartigen Bastbündel der Rinde. Meist ist markständiges Siebgewebe vorhanden, bei den Aquilarioideae und einigen anderen Gattungen finden sich außerdem Weichbastinseln innerhalb des Holzes. Die Blüten sind gewöhnlich zu Trauben, Ähren, Köpfchen oder Dolden vereinigt, selten stehen sie einzeln; oft sind sie von Hochblättern umgeben. (…)

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C = Aquilaria agallocha: Blütenzweig, 2 Blüte. 3 Fruchtknoten, 4 Fruchtknoten im Längsschnitt (2-4 vergrößert), D = Aquilaria microcarpa: 1 Frucht, 2 Same. E = Aquilaria sinensis: Frucht im Längsschnitt.

(…) Die Frucht ist ein Nüßchen oder eine Steinfrucht. Das Fruchtfleisch wird, selbst wo es für den Menschen giftig ist, wie bei Daphne, von Vögeln gefressen. Die Samen der Nüßchen zeichnen sich durch besondere Leichtigkeit aus oder sind durch starke Seidenbehaarung für die Verbreitung durch Wind geeignet. (…) Die 42 Gattungen sind, abgesehen von der kalten Zone, über die ganze Erde verbreitet (…).

Die wirtschaftliche Bedeutung beruht im wesentlichen auf der Festigkeit der Bastfaserbündel; meist findet der Bast aber nur örtliche Verwendung. Einige Arten von Daphne und Thymelaea liefern einen jetzt gleichfalls nur noch lokal verwendeten farbstoff, andere Arten von Daphne sowie von Daphnopsis, Thymelaea, Dirca, Gnidia und Lagetta eine Rinde, die wegen ihres Daphningehalts (ist ein bitter crystallines glucosid) als brecherregendes oder blasenziehendes Volksheilmittel benutzt wird.

Auf den indischen Märkten ist das wohlriechende, durch Verharzung des alten Holzes der Aquilaria Arten entstehende Adlerholz beliebt. Manche Arten, namentlich von Gnidia und Pimelea, sind als Zierpflanzen der Kalthäuser begehrt. (…) Die Aquilarioideae sind mit vier Gattungen in Südasien heimisch. Wichtig ist nur die vom Himalaja bis Südchina verbreitete Gattung Aquilaria (Abb. 1, C bis E), die allein mit drei Arten von Borneo bekannt ist. Das aromatische Adlerholz (malaiisch Kayu gaharu) das Handels stammt wohl hauptsächlich von Aquilaria malaccensis in Hinterindien und der Malaiischen Halbinsel sowie von A. Moszkoskii in Sumatra, vielleicht auch von A. agallocha (Abb. 1, C) im östlichen Himalaja, und zwar von kranken Stämmen, die man schon an bestimmten äußeren Merkmalen erkennen soll; die meisten der bis 40 m hohen Bäume enthalten keine solchen verharzten Stellen. Die schwarzen, schwarz und gelb gestreiften oder nur gelben Adlerholzklumpen, die bis zu 240 kg in einem Baume vorhanden sein sollen, werden gewöhnlich durch Vermodern des gefällten Stammes gewonnen. Das Adlerholz, oder Aloeholz (lignum aloes s. agallochi), auch Paradiesholz genannt, ist wahrscheinlich schon im Altertum bekannt gewesen; man glaubt, es sei das von Plinius erwähnte Tarum, das die Sabäer (antikes semitisches Volk im Südwesten der Arabischen Halbinsel) aus dem Osten holten. Auch im Mittelalter wurde es sehr geschätzt und spielte als indisch-europäischer Handelsartikel keine geringe Rolle. Im Orient wurde es, wie auch aus den Erzählungen der “Tausendundeine Nacht” hervorgeht, hoch geschätzt und mit Gold aufgewogen. Auch heute noch gilt es dort als außerordentlich kostbares Parfum. Für den allgemeinen Gebrauch in Europa ist es zu teuer, dagegen benutzte es Napoleon in seinen Palästen. In Indien und China dient es allgemein als Räuchermittel, auch macht man kleine Schnitzarbeiten. Das Aussuchen des Adlerholzes ist mit dem Nimbus der Gefahr umkleidet, da die Bäume als der Sitz böser und sehr mächtiger Geister gelten.

Zitation aus: OTTO WARBURG, “Die Pflanzen Welt” III. Band, Bibliographisches Institut, Leipzig, 1926, S. 2-5

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