Amberöl (Bernsteinöl) – Pinus succinifera

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Amber und Ambra ( Ambra grisea/ Grauer Amber), Styrax Amber und Amberöl? Und wenn es einen oder mehrere Unterschiede gibt, wo kommen die Rohstoffe eigentlich her? Fragen über Fragen, Amber scheint mir ein ziemlich sagenumwobener Stoff zu sein. Und da ich mit dem Thema OUD gerade nicht weiterkomme – an einer bestimmten Stelle brauche ich die Hilfe eines Botanikers (der leider im Urlaub ist), damit ich keinen Blödsinn schreibe – spüre ich jetzt dem Begriff Amber nach. Gibt es überhaupt Amberöl? Was soll das sein? „Meine Oma hat immer die Bernsteine an der Ostsee als Amber bezeichnet. Aber daraus kann man doch kein Öl machen. Oder etwas doch?“ Doch, kann man.

Nur für den Anfang sollte man wissen, Bernstein heißt auf lat. Succinium, auf engl. Amber und auf franz. Ambre.

Trotzdem geht es jetzt erstmal mit Amber los. Amber als Bezeichnung für Düfte kennt jeder Parfumfreund, jede Parfumfreundin, nur die Vorstellungen, die man sich davon so macht, die können sehr verschieden sein und deshalb lade ich sie ein, mir zu folgen. Kommen sie mit, in ein herrliches Wirrwar aus unterschiedlichen Rohstoffen, Gerüchen und großen Illusionen. Folgen sie mir zu Styrax Amber nach Nordamerika, tauchen wir gemeinsam ab, wenn ein Pottwal Ambra kotzt (also man nimmt an, daß der Wal es auskotzt. Es gäbe da noch eine andere Möglichkeit, von hinten … na sie wissen schon), sammeln wir gemeinsam an der Ostsee Bernstein, probieren wir uns in Trockener Destillation, spitzen wir die Ohren, wenn der Geigenbogen an den Saiten zieht und dann fragen wir uns, was das alles mit Amberöl zu tun hat. Wenn die Parfumerie etwas zu bieten hat, dann sind es Illusionen und als Synästhetiker kann ich ihnen versprechen, daß es mehr als ein Spiel aus Farben und Formen ist. Glauben sie mir, die Nase kommt nicht zu kurz.

In dem Wörtchen Amber steckt viel drin. So viel wie in diesem leuchtenden Bernstein.

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Von Amberparfum und Parfum mit Amber: Der Begriff Amber wird in der Parfumerie recht häufig verwendet, obwohl überhaupt nicht klar ist, was genau damit gemeint wird. Handelt es sich nun um einen Rohstoff in einem Parfum oder um eine Mischung die nach Amber riecht? Wie riecht eigentlich Amber? Gute Frage. Welchen Rohstoff meinen sie denn? Sie sehen, es bleibt verwirrend.
Ein Amberparfum ist ganz vereinfacht ausgedrückt nichts weiter, als eine orientalische Duftmischung. Stecken sie all die schönen Sachen, all die Kostbarkeiten, die Gewürze, die Früchte und die Blüten, die früher mit Segelschiffen nach Europa geholt wurden, in ein Parfum und sie erhalten ein Amberparfum. Denken sie an Rosen, an Pfeffer, Zimt und Orangen, Kardamom und Sandelholz, stellen sie sich Moschus und besonders viel Vanille vor. Lauter schöne Sachen, die typischer Weise in ein Amberparfum gehören. Amber als Rohstoff – die Frage, welchen wir damit meinen, lasse ich jetzt mal weg – wird nicht unbedingt benötigt. Aber mit Blick auf die Rezepte, die Komplextabellen berühmter Parfumeure, finden sich häufig zwei Gemeinsamkeiten: Benzoe und Labdanum.
Ein Parfum mit Amber ist dann schon etwas anderes. Der Hinweis MIT AMBER stellt auf einen oder mehrere Rohstoffe ab, die als Amber bezeichnet werden. Und an diesem Punkt wird es nun richtig unübersichtlich, weil es von Amber als Rohstoff sehr viele, sehr unterschiedliche Vorstellungen und Meinungen gibt. Von Styrax Amber, Ambra grisea und Amberöl (Bernsteinöl) habe ich schon gesprochen, doch auch Benzoe wird häufig als Amber bezeichnet und selbst das Harz der Lackzistrose (Cistus ladaniferus), das Labdanum, bezeichnen viele Leute als Amber. Das kann von mir aus auch jeder tun und halten wie er will. Von mir aus können sie jedes Baumharz als Amber bezeichnen. Nur wenn man es genau wissen will, sollte vorab geklärt werden, von welchem Stoff die Rede ist.
Styrax Amber: Liquidambar styraciflua, ein im Nordwesten der USA beheimateter Laubbaum (wird ca. 15 Meter hoch). Die Systematik der Storaxbaumgewächse sieht wie folgt aus: Klasse Bedecktsamer/ Magnoliopsida, Ordnung Heidekrautartige, Familie Storaxbaumgewächse, Wissenschaftlicher Name Styracaeae. Man darf nur nicht auf die Idee kommen, weil die Pflanzensystematik den Gedanken nahelegt, Benzoeharz und Styraxharz gleichzusetzen. Ersteres wird aus den Arten Styrax tonkinensis (Siam Benzoe) und Styrax benzoin (Sumatra Benzoe) gewonnen – deshalb wird Benzoe häufig als Styrax bezeichnet -, während für den als Styrax Amber-Harz bezeichneten Rohstoff die Nordamerikanischen Liquidambar-Arten verantwortlich sind. Über Styraxgewächse.
Ambra grisea/ Grauer Amber: Für diesen Teil mache ich es mir einfach und verweise auf einen älteren Artikel zu diesem Thema. Aber in aller Kürze kann mit Sicherheit gesagt werden, daß der Pottwal die unverdaulichen Überreste großer Tintenfische irgendwie aus sich herausbringt – vorn oder hinten (da noch niemand dabei war, kann man nur vermuten oder hoffen) ist egal und wenn diese Klumpen schön vom Seewasser umspült, von der einen oder anderen Meereströmung bewegt, von der Sonne beschienen und von den Wellen irgendwo an Land geworfen wurden, dann haben wir Ambra grisea. Einen sehr teuren und kostbaren Rohstoff, zu dem ich ihnen leider nicht viel sagen kann, weil ich ihn nicht kenne. Ambroxan tuts wohl auch. ÜBER TINTENFISCHE UND DEN WAL.

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Amberöl (Bernsteinöl), Pinus succinifera
Ja, es gibt Amberöl, Öl aus fossilem Bernstein. CAS-Nr.: 8002-67-3 (ein meiner Meinung nach veraltetes Datenblatt gibt die CAS-Nr.: 9999-99-9 an)
Herkunft: Pinus succinifera, was man mit Kiefer und Bernstein übersetzen kann. Entstanden sind die uns bekannten Bernsteine, die wir häufig an den Ostseestränden finden, vor etwa 300 Mio. Jahren, im Neolithikum, der Jungsteinzeit. Und ob das dann immer Kiefer war, kann uns ziemlich egal sein.
Wir gehen jetzt nicht so weit zurück, sondern schauen ganz kurz auf die Jahre 1793 bis 1799, in denen Samuel Hahnemann (Apotheker/ 1755-1843) sein Apothekerlexikon herausgab, wo er beschreibt, wie man das wohlriechende, rektifizierte Bernsteinöl, unter Zuhilfenahme von zerfallenem Kalk und Wasser, milder Hitze und rauchender Salpetersäure durch Destillation gewinnen kann. Ein pomeranzenfarbiges, heftigst nach Biesam riechendes Öl, welches nach reichlicher Aussüßung mit Wasser als künstlicher Biesam oder balsamisches Bernsteinharz (Moschus artificialis, Resina succini balsamica) gehandelt wird.(1)
Dem wohlriechend würde ich, mit dem, was mir als Bernsteinöl bekannt ist, jedoch unbedingt widersprechen wollen. Süß, balsamisch, Biesam und Moschus hin oder her, mich erinnert der Geruch an brennenden, die Schleimhäute reizenden Teer.
Und jetzt wird es Zeit, die Ohren zu spitzen. Können sie sich vorstellen, wie der Geigenbogen über die Saiten der Violine gleitet? Wissen sie, warum aus dieser Berührung Klang entsteht? Der mit Rosshaar bespannt Bogen klebt nämlich regelrecht an den Saiten des Instruments, er zieht sie mit, bis sich die Saite löst und zu schwingen anfängt. Ein Vorgang der sich in Bruchteilen von Sekunden mehrfach wiederholt und aus dem Musik entsteht. Bisweilen ganz wunderbare Musik. Wenn ich einen Vorschlag machen darf? Tchaikovskys (1840-1893) Violin Concerto in D/ Op. 35, der 2. Satz, Canzonetta (Andante). Lieblingsmusik, absolute Lieblingsmusik. Nur warum erzähle ich ihnen das? Was haben der Geigenbogen, das Rosshaar, die Violine, die Töne, die Musik, was haben die Klänge mit dem Amberöl, dem Bernsteinöl gemein? Die Gemeinsamkeit ist der Herstellungsprozess. Bernsteinöl/ Amberöl ist ein Naturprodukt, welches durch Trockendestillation gewonnen wird und dabei entsteht außerdem auch das für den Klang der Violine so wichtige Kolophonium, ohne das der mit Rosshaar bespannte Geigenbogen nur über die Saiten rutschen würde, ohne diese zum Schwingen zu bringen. Ohne Kolophonium, ohne Trockendestillation keine Violinenmusik. Und Kolophonium riecht sehr lecker – finde ich.
Trockendestillation wird heute als Pyrolyse bezeichnet. Eine thermisch-chemische Spaltung organischer Verbindungen, bei der z.B. unser fossiles Bernsteinharz, der Amber, bei großer Hitze, trocken – ohne Wasserdampf – und unter Ausschluß von Sauerstoff (anerob), damit nichts verbrennt und oxidiert, verschwelt wird. Ich kann mir vorstellen, daß dabei heute auch Schutzgase wie Argon oder Helium zum Einsatz kommen. Es wäre auch möglich, die erforderliche Hitze mittels der Gase zu erzeugen und diese zugleich als Träger zu verwenden. Die sich dabei bildenden Teer/ Pech Tröpfchen werden aufgefangen und abgetrennt – sie sind unser Oleum succini, das Amberöl.
Es soll angeblich die Nerven stärken und bei allerlei Allergien heilsam, gar wunderbar wirken, es stillt Krämpfe, wirkt harntreibend, lindert Insektenstiche und war lange Zeit ein fester Bestandteil des Riechwassers Eau de Luce (Luzienwasser). Alles Amber oder was?

Und wer sich eine orientalische Amber-Basis für ein Parfum selber mischen will, dem empfehle ich etwas Labdanum, Copaiba, Benzoe und Vanille. Dazu eine Kopfnote aus Kardamom und Bergamotte und die Herznote dürfen sie selber austüfteln.

(1) Samuel Hahnemann: Apothekerlexikon. 1. Abt., 1. Teil, Leipzig 1793, S. 109-110.

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