Parfum und Politik – SOS für Parfum

SOS

Die EU-Kommission ist in den letzten Schritten einer Gesetzesänderung, die Parfum essentiell betrifft: Noch bis Mitte Mai findet die öffentliche Konsultation dazu statt, die letzte Vorinstanz, bevor die Änderungsbeschlussvorlage an EU-Parlament und EU-Rat geht, wo sie nicht mehr inhaltlich diskutiert wird (denn das Gesetz existiert bereits, für eine Änderung der Anhänge, die dem Sinn der grundsätzlichen Regelung entspricht, ist nur eine formelle Befassung nötig). Es ist die Änderung der Anhänge II und III der bestehenden EU-Kosmetikverordnung, in denen aufgezählt wird, welche Kosmetikinhaltsstoffe in Europa verboten sind oder einer Deklarationspflicht unterliegen. Es sollen drei Stoffe (Lyral® und [Chlor-]Atranol, damit de facto Eichen- und Baummoos) in die Verbotsliste und viele weitere in die Restriktionsliste aufgenommen werden.
Diese Inhaltsstoffe sind wichtige Komponenten der Parfumkomposition.
Die Auswirkungen auf die europäische Parfumerie wären enorm.

Dass Parfuminhaltsstoffe ein Thema der gesetzlichen Regelung sind, ist begründet durch ihre teils allergene Wirkung: 1-3% der Menschen können auf bestimmte Parfuminhaltsstoffe allergisch reagieren, was sich in einer Hautirritation zeigt, die wieder aufhört, sobald der direkte Kontakt mit dem auslösenden Stoff unterbrochen wird. Welche Stoffe als Allergen gelten, geht zurück auf Forschung mit dem sogenannten Patchtest, wo die Substanzen in hoher Konzentration mit Vaseline als Trägersubstanz für 48 Stunden mit einem Pflaster, ohne Luftkontakt, aufgebracht werden. Dieser Test ist logischerweise ungeeignet für Riechstoffe in Parfum, denn bei Parfumbenutzung geht es um deren Verhalten in sehr viel geringerer Konzentration im ständigen Luftaustausch, denn Sinn ist ja gerade, dass die flüchtigen Stoffe auf der Haut verdampfen und sich in nur wenigen Stunden wortwörtlich in Luft auflösen. Die Patchtest-Ergebnisse sind jedoch die Grundlage gesetzlicher Regelung, unabhängig davon, ob es sich um Hautcreme, Duschgel oder Eau de Toilette handelt. Erfahrungsgemäß gibt es allergische Reaktion auf Parfuminhaltsstoffe – aber auf welche Substanzen in welcher Konzentration wie genau reagiert wird, ist tatsächlich nur anhand der bislang auf Parfum unzutreffenden Daten zu schätzen. Trotzdem soll basierend darauf das Gesetz geändert werden.
Dagegen wendet sich die Petition, die derzeit auf Parfumo.de veröffentlicht ist. Sie ist gekoppelt mit einem Beitrag zur öffentlichen Konsultation. Die Argumentation dieses Beitrags und der Petition verweist nachdrücklich auf den Stellenwert der Parfumerie als Kulturgut. Wenn etwas ein so klares Beispiel für immaterielles Weltkulturerbe ist, so die Verfasser/innen, dann darf man auf keinen Fall Gesetze erlassen, die nicht fundiert sind und so dem kulturellen Wert schaden, ihn vielleicht sogar zunichte machen – denn die Restriktionen, die mit dieser Gesetzesänderung gelten würden, wären scharfe Einschnitte, die das europäische Parfum grundlegend behindern würden. Olfaktorische Kunst ist ebenso ernst zu nehmen wie Malerei, Musik oder andere Kunstformen und ebenso vor Einschränkung zu schützen, die eingreift in die Ausdrucksfreiheit und die Potenz der Komposition. Wenn man die Klaviatur eines Klaviers links und rechts um 60 cm kürzen würde oder eine Ölfarbenpalette um ein Dutzen Farben berauben würde, wäre es absurd zu sagen: Mit den restlichen Tasten kann ein talentierter Komponist doch immer noch schöne Musik machen oder eine gute Malerin kann sehenswerte Gemälde malen, in denen nun mal einige Farben nicht vorkommen. Aber genau diese Argumentation wird gerade bemüht für die Beschneidung der Parfumpalette: Wenn einige Stoffe gebannt sind, können die Parfumeur/innen doch den Rest benutzen.

Eine solche achselzuckende Verkennung der Materie ist einem falschen Betrachtungswinkel geschuldet: Parfumerie ist hier ein bloßes Konsumprodukt, das Regeln des Marktes und des Verbraucherschutzes unterworfen ist, genau wie Antischuppenshampoo. Ein zweiter, genauerer Blick, der der Stellung eines Kulturgutes oder gar einer erhaltenswerten Kunstform entspricht, wird nicht investiert. Genau das fordert aber der Parfumo-Beitrag zur öffentlichen Konsultation mit der gekoppelten Petition: dass hingeschaut wird, mit was man es da eigentlich zu tun hat.

Ein ähnliches Beispiel gibt es bereits in der EU: Rohmilchkäse. Während traditionelle Käserei ganz sicher keine Kunstform ist, ist der Stellenwert als Kulturgut aber unumstritten. Artisanal und regional gefertigten Käse den gleichen gesetzlichen Bedingungen zu unterwerfen wie industriell hergestellten Käse, würde bedeuten, ihn unmöglich zu machen. Und der Gesundheitsschutz wäre hier noch viel mehr ein Argument, es zu tun, würde man pauschal und für den kulturellen Wert blind an die Sache gehen, denn Rohmilchkäse schadet z.B. ungeborenem menschlichen Leben – und das enorm. Aber für den Rohmilchkäse Europas wurde eine gesetzliche Sonderregelung gefunden. Mit Deklarierung darf er weiterhin hergestellt und gehandelt werden. Es gibt nach wie vor Roquefort, Manchego und Appenzeller. Ein Glück!
Warum gibt es keine vergleichbare Regelung für Parfum?

Warum müssen Verbraucher/innen auf die Barrikaden gehen und das vom Gesetzgeber einfordern? Könnte es sein, dass die Lobby der Milchbauern und Molkereien besser organisiert und vernetzt ist als die der Parfumindustrie? Oder dass die letztere eine eigene Agenda vertritt, die vereinbar ist mit einer Politik, die den kleinen und mittleren Wettbewerbern das Wasser abgräbt? Was fehlt der EU-Kommission an Argumenten? Eine gute, schlüssige und bei aller wissenschaftlichen Sorgfalt leicht zu verstehende Argumentation findet sie in dem Konsultationsbeitrag und der Petition auf Parfumo.de. Wie viele Unterschriften von mündigen, interessierten Bürgerinnen und Bürgern sind nötig, damit das wahrgenommnen wird? Viele offenbar. Jede Unterschrift leistet einen Beitrag, zu unterstreichen, wie wichtig es ist
– Gesetze nicht aus der hohlen Hand aufgrund unfundierter, ungefährer Forschung zu machen,
– Kunst und Kultur in Europa blühen zu lassen und nicht zu behindern oder gar zu vernichten,
– Und Verbrauchende zu informieren und ihnen die Wahl zu lassen, statt sie zu bevormunden.
Jede Unterschrift bedeutet, den Verantwortlichen ihre Verantwortung deutlich zu machen. Für Duft und Duftkunst wird hier ein SOS formuliert, das die Chance auf Rettung erhöht, besser als Gebet, Hoffnung und Vertrauen in die Politik das tun können.

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