Weniger ist manchmal …

„Weniger ist mehr“, mag nicht immer richtig sein. Aber manchmal stimmt es schon.

Eine Lebensweisheit, die meiner Meinung nach nur bedingt tauglich ist. Jedenfalls trifft sie im Falle von Vanilleeis mit Schokoladensoße überhaupt nicht zu: mehr Eis ist einfach mehr Eis. Basta.

Doch es gibt Fälle wo es sich lohnt, die eingesetzten Mengen auf ihre Wirkung hin zu überprüfen und deshalb möchte ich hier kurz beschreiben, was ich bei der Entwicklung des Rezepts für den in Kürze erscheinenden Duft ABRAKABARBER mit dem Rohstoff Wacholderbeeröl für eine Erfahrung machen durfte.

Die Idee zu dem Duft war der Begriff Barbershop und ich verbinde damit durchaus auch einen guten Schnaps. Das mag bei dem einen Rum, bei einem anderen Whisky und sicher auch mal ein Kräuter sein; für mich auf jeden Fall Gin und deshalb sollte der Duft eine kräftige Gin-Note erhalten (es wäre automatisch die Kopfnote, weil Wacholderbeeröl keine gute Haftung hat). 10% Wacholderbeeröl ins Rezept, Augen zu und durch. Ich mische in Handarbeit Parfums, um genau solche Dinge machen zu können. Wer glatte und geleckte Düfte will (ohne jede Wertung), wer keine Überraschungen liebt und wer nicht neugierig auf Unbekanntes ist, der wird sicher nicht begeistert sein. Egal! Monate später Parfumöl fertig, rein in den Alkohol und ? alles wurde trüb. Mist. Gaaanz großer Mist. Ok, 10% Wacholderbeeröl war eine sportliche Idee, doch ein Parfum muß klar sein. Vielleicht nicht wie Wasser, aber trüb wie Müggelsee im Sommer geht nicht. Was tun? Rezept analysiert, die Profifreunde gefragt und schnell war klar, daß es nur eine Möglichkeit geben wird. Wacholderbeeröl raus oder wenigstens deutlich reduzieren. Ich entschied mich für Letzteres und machte einige Test mit 3-6% und siehe da, bei dieser Einsatzmänge (für Feinparfumerie immer nich sehr, sehr viel) hat es hin. Nur womit die fehlende Menge ersetzen? 6%weniger Wacholderbeeröl sind ein gewaltiger Unterschied und plötzlich bekam der Duft in der Kopfnote einen ganz anderen Charakter.

Schaut man sich jetzt an, welche Bestandteile für den Charakter des Wacholderbeeröls verantwortlich sind, gibt es eine ganze Feihe an Möglichkeiten, diesen Eindruck trotzdem zu verstärken. Ein Weihrauch CO2-Extrakt z.B. gehört auch in die Kopfnote und paßt perfekt, Myrtenöl würde passen und es enhält zudeme viel Limonen und Linalool, die ebenfalls zur Kopfnote gehören. Logisch wären, wenn man es nur so betrachtet, natürlich auch Koniferenöle. Doch diese Mischungen rochen mir immer zu sehr nach Badezusatz und Erkältungsmittel. Ich wollte den Gin verstärken – den ich ja wegen der Eintrübung reduzieren mußte – und dies ist mit Rosa Pfeffer gelungen.

Witzig dabei! Die Kopfnote riecht jetzt viel stärker nach Wacholderbeeröl/ Gin als vorher.

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