Zedernholz Öl

Zeder ist nicht gleich Zeder! Von echten Zedern aus Nordafrika und der Virginia-Zeder aus Nordamerika.

(mit aktuellen Änderungen und Ergänzungen vom 2. 4. 2013)

Obwohl – ich gehe jedenfalls davon aus – die wenigsten Menschen vermutlich nicht aus praktischer Erfahrung heraus wissen, wie echtes Zedernholzöl riecht, ist die Begeisterung an diesem natürlichen Riechstoff nicht zu übersehen. Zeder oder Ceder ist für viele Dinge gut und selbst wenn der Duft nicht ins Portfolio privater Duftvorlieben paßt: Motten hält er garantiert fern und allein dieser Pluspunkt sticht z.B. Limettenöl aus, welches bekanntlich wie Klostein riecht und damit weniger Ansehen genießt.

Ich denke, die Zeder hat einfach nur Glück gehabt. Ihr Geruch fügt sich besser ein, in jene positiv besetzten Vorstellungen, die wir beim Anblick einer alten, ehrwürdigen Bibliothek entwickeln; schwere Holzvertäfelungen, glänzende Holzflächen, dicke Lederpolster und all die Bücher … das muß Zeder sein. Eine Mischung aus Möbelpolitur und vielleicht auch Fernweh. Zeder setzen wir gleich mit Tradition, Erhabenheit und Beständigkeit. Zeder läßt uns an orientalische Lebensart denken. Da ist wieder das Fernweh und die Nase ist daran mehr beteiligt, als wir denken. So groß wie der Baum, so stark sein Duft. Nur was, wenn die Zeder keine Zeder ist und das Öl im Geruch mehr an Bleistift oder alte Blockflöte, als an den Orient und seine kunstvollen Schnitzereien erinnert?

Für alle, die es interessiert, für alle, die über holzige Parfums nicht nur reden sondern auch nachdenken wollen, hab ich mal was gebastelt, was die Feststellung unter der Überschrift erklärt. Denn wo Virginia-Zeder drauf steht, ist in Wirklichkeit ein Wacholdergewächs drin – Juniperus virginiana.

Und bevor es morgen mit dem Thema weitergeht, gibt es hier und heute schon mal die notwendige Botanik. Voila, meine Systematik für die Zedernholz-Öl-Freunde.

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Fangen wir also mit der ORDNUNG an. Denn nur, weil zwei Rohstoffe recht häufig den gleichen Namen tragen, sollte man niemals auf die Idee kommen, Rückschlüsse auf botanische Verwandtschaftsverhältnisse zu ziehen. Odrnung muß sein und hier, wo die Verwandtschaftsbeziehungen von Pflanzen erst wirklich interessant werden, endet die Verbindung auch schon wieder. Von hier aus nehmen die Zedern und die Wacholder ihren ganz eigenen Weg – zur ORDNUNG der Koniferen/ Koniferales gehören sie beide.

Die FAMILIEnbande sind schon deutlich getrennt und auch wenn einige Banausen der Meinung sind, es würde sich immer um so eine Art Weihnachtsbaum handeln: Kieferngewächse/ Pinaceae und Cypressengewächse/ Cupressaceae (da ist wieder das ceaea der botanischen Familienbezeichnungen) unterscheiden sich deutlich.

Den TRIBUS, die Unterfamilie, lassen wir jetzt mal weg. Ich hab diesen Punkt nur erwähnt, weil sich hier sechs verschiedene Gattungen Cedrus und elf verschiedene Gattungen Juniperus herausbilden.

Der GATTUNGsbegriff für die Zedern lautet Cedrus und für die Wacholder lautet er Juniperus.

Und jetzt, angekommen bei der ART, wird es wieder richtig spannend, weil nun hoffentlich klar wird, warum ich die Botanik für so wichtig halte. Schließlich geben die deutschen Trivialnamen der Pflanzen oder gar die Rohstoffbezeichnungen ätherischer Öle zum Teil ausgesprochen irreführende Hinweise auf die Pflanzen und wer sich ein Zedernöl kaufen will, bekommt natürlich mit Virginia-Zeder (Juniperus virginiana) ein Öl, welches als Zedernholzöl verkauft wird (und was natürlich auch holzig riecht). Nur echtes Zedernholz-Öl hat einfach einen anderen Ursprung und das sollte man wissen! Bei der Zeder ist es recht einfach, die bekannten Arten zu nennen. Ich kenne 4 an der Zahl und würde vermuten, daß die z.B. in Süddeutschland recht verbreitete Blaue Atlas-Zeder Cedrus atlantica Glauca nur eine Unterart der Atlas-Zeder ist und deshalb nicht als eigene Art aufgeführt wird ( sonst wären es fünf verschiedene Arten). Jedenfalls sind Atlas-Zeder/ Cedrus atlantica, Himalaya-Zeder/ Cedrus deodara, Libanon-Zeder/ Cedrus libani und Zypern-Zeder/ Cedrus brevifolia eng miteinander verwandt. Ob aus allen vier Arten Zedernholzöl gewonnen wird, welches dann natürlich als Echtes Zedernhol-Öl verkauft werden könnte, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es würde aber erklären, warum auch echtes Zedernholz-Öl, wie so viele andere Rohstoffe auch, so deutliche, geruchliche Unterschiede aufweisen kann. Die Herkunft der Pflanze, ihr Standort, hat großen Einfluß auf den Geruch des Rohstoffes, den man aus ihr fertigt – jeder Weinkenner wird das bestätigen. Aus den mir bekannten Datenblättern kenne ich aber nur Cedrus atlantica als Ursprungspflanze und damit Nordafrika als geographische Herkunftsangabe. Ich meine mich an Libanesisches Zedernholz-Öl (Cedrus libani) erinnern zu können und ich weiß, Öle mit der Bezeichnung Cedrus deodara (Himalya-Zeder) werden angeboten. Von Zedernholzöl aus Zypern (Cedrus brevifolia) habe ich noch nichts gehört, deshalb das Fragezeichen (Was aber nichts heißen muß. Gibt es vermutlich auch. Warum denn nicht?).

Im Gegensatz dazu:
Juniperus virginiana – Virginia-Zeder (syn. Rot-Zeder) ist also ein Wacholder, kommt, wie der Name schon sagt aus Nordamerika, und gehört zu über 50 verschiedenen Wacholder-Arten. Als Rohstofflieferant für das Zedernholz-Öl Virginia Zeder kommt aber wohl wirklich nur die eine Art Juniperus virginiana in Frage. Hin und wieder hört man die Bezeichnung Bleistift-Zeder und die Beschreibung paßt eigentlich ganz gut. Das Öl riecht natürlich holzig und erinnert entfernt an echte Zeder. Doch es ist überhaupt nicht balsamisch süß und betörend, sondern eher etwas grün und kühl. Alte Blockflöte trift es auch ganz gut, nur daß es nicht so schrecklich klingt. Außerdem wird recht häufig Juniperus ashei zu Öl verarbeitet und angeboten. Dieser mehr unter seinem Synonym Juniperus mexicana bekannte Wacholder wird umgangssprachlich oft als Texas-Zeder bezeichnet und bleibt aber trotzdem ein Wacholdergewächs. Und weil zu der Art Juniperus fast 70 verschiedene Spezies gehören, kann man ruhig davon ausgehen, daß es nicht unwahrscheinlich ist, wenn an anderen Orten auch aus anderen Arten Juniperus ein Öl gewonnen wird, was vielleicht als Zedernöl… angeboten wird.

Steampunk – meine neuste Idee für ein Parfum

Noch ist es nur eine Idee. Ein Parfum mit dem Namen STEAMPUNK. Was ist Steampunk eigentlich? Wie sieht es aus?

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Bildrechte: linke Abb. Man in Steampunk style, © Warped – Fotolia.com und rechte Abb. Steam punk © fotogestoeber – Fotolia.com

Steampunk ist ein literarisches Genre, es ist Kult und Kulturszene, ist Film und Videospiel, teils bloßes Stilelement und häufig einfach nur schick. Für einige ist es Spaß und für andere gar kulturelle Bewegung – Subkultur. Steampunk das sind Dampfmaschinen und sich drehende Zahnradwerke, Mensch-Maschine-Verbindungen und auf jeden Fall reichlich Eisen. Filme wie Wild Wide West, Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen, Hellboy und In 80 Tagen um die Welt sind mit Sicherheit Steampunk inspiriert. Da ist jede Menge Abenteuer-(Romantik), Action und garantiert etwas zu viel Testosteron. Dazu noch Do-it-yourself, Schweißerbrillen, Kohlestaub, laufende, zischende, sich verwandelnde Maschinen und der Mensch mittendrin – ja, ja, die Idee ist nicht neu, METROPOLIS (Fritz Lang, gedreht von 1925 bis 1926) dürfte ein häufig zitierter Film sein und wer sich an die Illustrationen vieler Jules Verne Abenteuer-Romane erinnert, der kann sich vorstellen, wie Steampunk aussieht. Vielleicht könnte man sogar sagen, daß hier – 20.000 Meilen unter dem Meer – alles seinen Anfang nahm.

Nur wie riechts?

Keine Ahnung. Ich fand die Idee einfach gut und gebe unumwunden zu, daß ich gern Jungsfilme gucke, ein Faible für schwere Eisengerätschaften habe und der irrsinnigen Meinung verfallen bin, ein Toaster mit Edelstahlgehäuse würde länger halten.

Ich sehe schon die Parfumflaschen vor mir. Auf jedem Verschluß einen Puppenkopf, der zur Hälfte aus Zahnrädern und Schrauben besteht und in dessen Inneren sich irgendwas dreht.

Aber natürlich habe ich auch eine Duftidee. Ein Parfum, nur aus Basisnoten komponiert, die trotzdem einen Verlauf ermöglichen. Ich denke an Elemi, Vetiverylacetat, Patchouli und Cashmeran, um nur einige Stoffe zu nennen, die ich mir gut vorstellen kann. Es muß etwas pudrig wirken, weil die Viktorianische Zeit (besonders wichtig für den Steampunk) auf jeden Fall gepudert war – im Zweifellsfalle mit Asche und Staub.

Mal schauen, was draus wird.

Interessante Links zum Thema Steampunk
Musik: Melissmell: “Aux Armes” (zu den Waffen)
oder ABNEY PARK: “STEAMPUNK REVOLUTION
Clockworker - Nachrichten und Informationen
Steampunker
Von Dampfcomputern und Klagemaschinen” auf Spiegel Online
Wikipedia
Familie Buff.de

September Nr. 9 und Javanol

Es ist noch nicht ganz Frühling – Eiszeit wäre eine bessere Umschreibung der aktuellen Wetterlage – und ich sehe mich schon, wie ich zu Ostern die Eier im Schnee verstecke. Doch so rein dufttechnisch ist bei mir bereits September. Nach langer Zeit habe ich die No. 9 wieder angemischt. Mein Lieblingsparfum und diesmal erkläre ich auch warum. Erste Frage: Wie wird aus einer 9 ein Elefant?

So!

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Zweite Frage: Warum ein Elefantenkopf. Ganz einfach. Welches Tier sonst hätte man leicht aus einer 9 heraus zeichnen können? Ich bin kein Grafiker, Jo war nicht da, und weil zum Thema Sandelholz ein Elefant gut paßt (Sandelholz, Indien, Elefanten ist schon logisch), wurde aus der 9 ein Elefantenkopf. Noch mehr Fragen zur Gestaltung?

Zum Duft selber. Der Duft ist überhaupt nur entstanden, weil ich das Chemical JAVANOL über alles liebe. Von mir aus kann die ganze Welt nach JAVANOL riechen. Der eigentlich recht schwache Duftstoff (bei einigen Leuten kommt da – ähnlich wie bei vielen Moschuskörpern – nicht viel an) wird auch als Sandelholz-Chemical bezeichnet; was ich aber so gar nicht sagen würde. Für mich riecht es nur ganz leicht holzig, etwas süß, auf jeden Fall fruchtig und blumig zugleich. Wer meint, er müsse Javanol mit echtem Sandelholz vergleichen hat wirklich nicht viel Ahnung von Parfum und der Rest ist hoffentlich Geschmackssache.

Man muß vielleicht noch wissen, daß dieser in der konzentrierten Form recht schwache Duftstoff in einem Parfum von absolut durchschlagender Wirkung ist. Wer Parfum selber mischen möchte und mit JAVANOL arbeiten will, dem kann ich nur empfehlen, sich eine 10%ige Lösung anzufertigen und von dieser Lösung max. drei bis fünf Prozent in einem Duft zu verwenden. Sie können auch mehr nehmen, aber das wird deshalb nicht stärker riechen (das ist eine wichtige Erfahrung. Mit Lavendel ginge das nicht). Das Problem ist nur: Ich liebe JAVANOL. Kann gar nicht dolle und lange genug sein und deshalb würde es mir reichen, wenn ein Duft nur aus JAVANOL bestehen würde. Doch die Idee, einen Duft mit nur einem Riechstoff zu machen, die hatte bereits ein anderer. Für mich einer der berühmtesten Parfumeure dieser Welt, zudem noch ausgesprochen freundlich, lustig und einfach genial – Geza Schön. Solche Ideen kann man nicht klauen, das wäre peinlich (es sei denn, man heißt Guttenberg), und deshalb habe ich das Javanol etwas eingepackt.

Ursprünglich hatte der Duft eine leicht beschwipste Lemongrass-Kopfnote (mit etwas Grapefruit), was aber doch einige Leute, mich incl., gestört hat. Deshalb tauschte ich jetzt diese Kopfnote aus und nun gibt es dafür eine wirklich harmonische, fruchtig-süße Orange. Ein Herz im Sinne einer richtigen Komposition hat der Duft nicht. Wozu auch, schließlich wollen wir uns mal nicht mit Nebensächlichkeiten aufhalten. Einfach nur reichlich Hedione und fertig. Damit bekommt die fruchtige Kopfnote eine gute Haftung und in der Mittelnote treffen sich damit das zart blumige Hedione, noch etwas Orange aus der Kopfnote und erste Anklänge von der Basis, die aus zwei verschiedenen Sandelholzriechstoffen besteht (einer davon ist das Javanol), dazu eine leicht ambrierte Holznote (Ketamber) und etwas Moschus.

Und jetzt will ich ihnen verraten, was ich getan habe. Wie man Javanol verwendet, schrieb ich bereits. Allerdings geht es auch anders! Gute 8% pur. Es hätten auch 4 sein können, für die Wahrnehmung macht das keinen Unterschied! Aber mit 8% riecht es einfach noch länger nach Javanol. Zumal dieser Duftstoff ohnehin eine Haftung hat, die man nicht in Stunden oder 1-2 Tagen, sondern vielleicht in Wochen angeben sollte. Ein im Chemical eingetauchter Papierstreifen riecht jedenfalls locker 3-4 Wochen und wenn einige Leute meinen, der Duft hätte keine Haftung, dann empfehle ich Hanns Hatt, “Das Maiglöckchen-Phänomen”, S. 58, das Kapitel mit der Überschrift: “Adaption – Wenn die Nase einen Geruchsreiz ausblendet”. Javanol riecht einfach länger, in einer Mischung mit anderen Duftstoffen und Ethanol zudem intensiver als im Rohzustand, als alle anderen Stoffe in diesem Parfum. Ein weiterer Grund, nicht nur Javanol zu nehmen. In der Kombination entfaltet dieses Chemical erst so richtig seine durchschlagende Wirkung.

Das ist der September. Und weil Javanol länger, viel länger als Hedione, Moschus, Iso e Super und natürliches Sandelholz riecht, duftet mein September für lange Zeit nach JAVANOL.

September (No. 9), neun Riechstoffe für den 9. Monat im Jahr. Eau de Parfum, Duftkonzentration 25%.

Habe ich erwähnt, daß ich Javanol liebe?

Mythos Hautchemie – Teil 2

Bevor es in Kürze wieder mit anderen Themen weitergeht, freue ich mich über einen neuen Beitrag von Ronin (Parfum-Community www.parfumo.de), der in Ergänzung und als Reaktion auf die zahlreichen Zuschriften zu dem erst kürzlich veröffentlichten Gastkommentar Mythos Hautchemie erfolgt. Das Thema der sich verändernden Duftwahrnehmung, der unterschiedlichen Dufteindrücke etc. ist spannend und wirft zahlreiche Fragen auf, die man nicht mit einer einzigen Lösung/ Erklärung wird beantworten können. Auf unser ganz unterschiedliches Riechvermögen war ich bereits eingegangen und selbstverständlich habe ich die Adaption nicht vergessen.

Aber jetzt erteile ich Ronin das Wort.

EDIT vom 18.03.2013:

Neun Monate nach dem Verfassen des Blogartikels auf Parfumo und eine Woche nach Veröffentlichung in Erik Kormanns aromatischen Blog möchte ich auf die vielen guten Kommentare, die sich angesammelt haben (vielen Dank!), eingehen. Sie betrafen fast alle den Punkt 5e), dem Effekt des Eigengeruchs der Tragenden auf den Parfumduft. In der letzten Zeit habe ich viel gelernt über Wahrnehmung und würde diesen Punkt 5e) jetzt nicht mehr so formulieren.

Ich hatte geschrieben, dass ein Parfum viel geruchsintensiver ist als der Eigengeruch der Haut. Dem ist ja auch so. Das Parfum-Eigengeruch-Gemisch ist ein wie ein Layern beider Komponenten (ich würde schätzen im Verhältnis 95:5 bis 99:1). Wäre der Eigengeruch auch ein Parfum, wäre der Unterschied zum reinen Duft des eigentlichen Parfums maximal eine Nuancenverschiebung, marginal bis nicht bemerkbar. Unser Eigengeruch ist aber kein „normales Parfum“. Oder, wie es ein Leser treffend formulierte: „Das lässt sich mit der Naturwissenschaft Chemie natürlich nicht erfassen, aber “chemisch” schon.“

Der Faktor Eigengeruch ist nicht in einem absoluten, sondern in einem relativen Maße wichtig neben bzw. unter einem Parfum. Verschiedene Wahrnehmungssituationen – als Beispiele Selbstwahrnehmung, Wahrnehmung an Partner/in oder Wahrnehmung, die außerhalb des Gewohnten liegt (z.B. Krankheit, fremde Kulturen) – bedingen unterschiedliche Sensibilitäten. Androstenon beispielsweise, ein im männlichen Schweiß vorkommendes Abbauprodukt des Testosterons, hat unbewusst einen Einfluss auf Affekte, Neigungen und Gefühle. Eine hohe Sensibilität für Eigengeruch, dadurch eine andere „Gewichtung“ bei der Wahrnehmung, macht ihn relativ zum getragenen Parfum wichtiger als es den „Layerprozenten“ entspräche.

Nun lassen nicht alle Parfums gleich viel Raum für den Einfluss von Eigengerüchen. „Flächig“ komponierte Parfums wie viele Klassiker oder Serge-Lutens-Kreationen, bei denen die Träger/innen eher eine Leinwand sind und der Duft das Gemälde, sind weniger beeinflussbar. Moderne Düfte, die sehr körpernah oder transparent sind, deren scharf abgegrenzte Noten Platz für Persönlichkeit lassen, können gewollt mit der subtilen Wirkung von Eigengerüchen spielen. Aber auch hier ist die Wirkung (bewusst und/oder unbewusst) größer als eine Duftverschiebung.

Beobachtungen wie: eine Rosennote, die zu Patchouli wird; Haut, die Amber schluckt; Chypres, die zu Fougères werden; Fruchtdüfte, die nach Inkontinenz riechen – das lässt sich m.E. nicht mit Eigengeruch erklären. Oder Hautchemie im Allgemeinen. Hier wäre es spannend, sich umfangreicher mit Wahrnehmungspsychologie zu befassen.

Als Literaturstelle mag ich empfehlen: W. Legrum, “Riechstoffe, zwischen Gestank und Duft”, Vieweg und Teubner, 2011, S. 22f. und S. 56 ff.

Kommentare, Nachrichten, E-Mails und facebook. Einige Stimmen und Bemerkungen auf den ersten Artikel Mythos Hautchemie hier zusammengefaßt. Es sind genau diese Bemerkungen, auf die Ronin jetzt deutlicher eingeht.

1. Zuerst aber hier eine Bemerkung aus facebook. Marc Vom Ende: Marc Vom Ende Der Geruchsschwellenwert wird nur am Rande erwähnt, hat aber starken Einfluss. Die Fettlöslichkeit der Duftstoffe wird als marginal unterschiedlich bezeichnet, mag aus chemischer Sicht so sein. Und das Wichtigste, das nicht berücksichtigt wurde, ist die Möglichkeit von Akkordbildung. Letzeres hat natürlich nicht direkt mit der Haut sondern dem persönlichen Körpergeruch zu tun, kann aber verblüffende Effekte machen. Das lässt sich mit der Naturwissenchaft Chemie natürlich nicht erfassen, aber “chemisch” schon.

2. Kerstin S. (Stammleserin) … Lieber Herr Kormann, aber was ist denn mit unserem Eigengeruch. Ich kann nicht glauben, dass der menschliche Körpergeruch sich nicht auf die Wahrnehmung eines Parfums auswirkt. Diese gar beeinflußt.

3. H. Ullmann (Stammkundin) Hallo Erik, was ist denn das für ein langer wissenschaftlicher Artikel. Da muß man sich beim lesen doch richtig konzentrieren. Und sage doch mal vielleicht kannst Du das auch erklären, warum soll der Körpergeruch nicht wichtig sein, wenn ich diesen doch bisweilen sehr deutlich wahrnehme. In der Mischung mit Parfum sollte hier doch etwas neues als Mischung entstehen. Meinst Du nicht auch?

4. Karsten H. (Leser) Danke für den interessanten Beitrag. Mir fällt jedoch in diesem Zusammenhang eine Frage ein, welche vielleicht doch zu berücksichtigen wäre. Wie verhält es sich mit den über die Haut abgesonderten Ausscheidungen, welche bekanntermaßen eine starke Auswirkung auf den einzelnen Menschen und seine geruchliche Wahrnehmung haben. Die in Asien als Butterstinker bezeichneten Europäer – die Asiaten ihrerseits als Knoblauchfresser – dürften doch einen Duft auf der Hautoberfläche entscheidend beeinflussen. Milchsäurebakterien und Duft bilden sicher im Sinne einer chemischen Reaktion kein neues Molekül, jedoch mit Sicherheit eine neue Mischung. Zumal der Alkohol ganz bestimmt diese Substanzen auf der Haut angreifen und ablösen kann.

Unterschiedliche Duftwahrnehmung

kann vielfältigste Ursachen haben. Manchmal entscheidet schon die Tagesform, oder die Fähigkeit, einen Geruch überhaupt erkennen zu können. Einige kurze Überlegungen zum Thema, einige Beobachtungen und Gedanken, die um Anosmien und Adaption kreisen. Mehr nicht.

Die wirklich an Düften interessierten Menschen erkenne ich oft daran, daß diese nicht das Gesicht verziehen, wenn sie an einem neuen Parfum riechen. Auch dann nicht, wenn es ihnen persönlich einfach nicht so richtig gefällt. Die Unterteilung gutes Parfum, schlechtes Parfum bleibt aus und zwischen Kritik am Duft und den eigenen Vorlieben wird sauber getrennt. Dufteindrücke verarbeiten und diese zu kommunizieren scheint nicht immer ganz einfach zu sein – muß vielleicht erlernt werden. Deshalb steht im Laden ein kleines Schränkchen mit vielen Riechstoffen – natürlichen, ätherischen Ölen, Harzen, Balsamen, Resinoiden und zahlreichen Chemicals – deren Verwendung und Einsatzmöglichkeiten ich durchaus zu erklären vermag. Wenn ich nur das Gefühl habe, auf ehrliches Interesse zu stoßen. Wer glaubt, mit Sicherheit zu wissen, wie Sandelholz riecht und gern Vorträge über Moschus und Moschusochsen in Parfums hält, geht häufig so wieder raus, wie er reingekommen ist – ahnungslos. Kein Problem. Aber ich freue mich immer wieder, wenn Menschen kommen, die mich gezielt ansprechen und die gern mal wissen möchten, wie mein Lieblingsriechstoff riecht und welches z.B. ein sehr weitverbreitetes Moschus-Chemical ist. Galaxolide. Schnell die kleine Flasche herausgeholt und der Kundin/ dem Kunden unter die Nase gehalten und schon schwebt ein großes Fragezeichen über dem Kopf. Erste Erfahrung: Ich rieche da nichts. Glauben sie mir, dies ist kein Witz und auch gar nicht schlimm – zumal sie mit dieser Erfahrung nicht alleine stehen. Gerade die modernen Moschus-Chemicals Galaxolide, Ethylene brassilate oder auch Tonalide werden von vielen Menschen nicht oder nur sehr schwach erkannt, ohne dass diese Menschen das wissen. Ich würde nicht mal von Beeinträchtigung sprechen. Man merkt es erst, wenn man die Möglichkeit bekommt, an den Chemicals selber zu schnuppern. Sicher, unser kleines Geschäft ist keine große, teure Parfumerie. Aber diese Erfahrung können sie bei uns vielleicht machen.

Nur warum merkt man das fast nie selber, wo man doch so viele Parfums kennt, sammelt und täglich von Duft umgeben ist? Ganz einfach deshalb, weil ein Parfum z.B. aus 100 und mehr Einzelkomponenten bestehen kann und es nicht auffällt und stört, wenn eine davon nicht richtig wahrgenommen wird. Ein Zustand, der zudem durchaus von der Tagesform und von vielen anderen Faktoren beeinflusst wird. Ich würde behaupten, daß man es ein Sück weit sogar trainieren und erlernen kann. Trotzdem würde ich mich nicht wundern, wenn die Forschung irgendwann zu dem Ergebnis kommt, daß Menschen in Sachen riechen z.T. sehr unterschiedliche Voraussetzungen haben (bei Augen und Ohren ist uns das längst bekannt) und vielleicht sogar nicht jeder für jeden Geruch die passenden Rezeptoren hat. Wundern würde es mich nicht. Wissen sie wirklich, wie Sandelholz riecht? Sicher?

Dann verrate ich ihnen mal ein Geheimnis. Mit Sandelholz ist es ganz ähnlich wie mit den Moschuschemicals. Das Stoffgemisch aus Sesquiterpenalkoholen, Santalol, Santalylacetat, Santalal und Komponenten wie Santen, Geraniol, Linalool, Eugenol, Isoeugenol und Guajacol (es sind noch viel mehr) wird sehr, sehr häufig nur schwach, manchmal gar nicht und mit Sicherheit nicht von allen Menschen gleich wahrgenommen. Und jetzt machen wir das mal mit einer Rose. Hauptbestandteile sind Citronellol und Geraniol, dazu kommen noch Linalool, Farnesol, Hexenol, Eugenol, Methyleugenol, Citral und Carvon. Für den typischen Duft verantwortlich sind aber Rosenoxid, Rosenfuran, Phenylethylalkohol, Damascenon uvm. Nur was, wenn sie Phenylethylalkohol gar nicht oder nur sehr schwach riechen können – aus was für Gründen auch immer? Dann wird aus einer Rose schnell eine Geranie und aus einem Kommentar zu einem Rosenduft vielleicht etwas vorschnell ein Verriss. Im Gegensatz zu den anderen Sinneseindrücken Sehen und Hören sind wir uns der unterschiedlichen Geruchswahrnehmungen häufig nicht bewußt und wir haben schon gar nicht gelernt, diese richtig zu kommunizieren. Wie wollen sie einen Rosenduft erklären? Erklären sie einem Menschen, der Rose natürlich als blumig empfindet, den Geruch von Phenylethylalkohol! Ein Mensch, der blau als Farbe nicht erkennen kann, wird trotzdem eine Vorstellung davon haben, weil neben dem Himmel und einer oft getragenen Hose, diversen Edelsteinen und der Farbe vieler Augen, ein gewisser, gesellschaftlicher Konsens besteht, was als blau bezeichnet wird/ werden kann. Bei Dufteindrücken ist das ganz anders.

Und jetzt lassen sie sich die Zahl 20 in aller Ruhe auf der Zunge zergehen. Ca. 20% aller Menschen können vermutlich das eine oder andere nicht so riechen wie es riecht. Anosmien sind weiter verbreitet als wir denken – wir merken es nicht, weil es selten den ganzen Bereich des Riechens betrifft, sondern nur kleine Ausschnitte.

Unterschiedliche Duftwahrnehmungen können ganz unterschiedliche Ursachen haben. Das Thema wird uns weiter beschäftigen und mit der Adaption mache ich morgen weiter. Lustig finde ich jedenfalls nur, daß wir unseren Augen oft nicht trauen, aber Fehleinschätzungen unserer Nase vehement verneinen.

www.aromatisches-blog.de Hier gibt`s was auf die Nase – Here is something for the tip of your nose!

Mythos Hautchemie

Ein Gastkommentar, der mir besonders am Herzen (oder in der Nase) liegt.

Ronin von parfumo.de
Dieser Gastbeitrag ist die redigierte Fassung eines Blogartikels, den ich auf der Seite parfumo.de unter dem Namen „Mythos Hautchemie“ veröffentlichte. Er entstand als Replik zu der generellen Verwendung des Terminus „Hautchemie“, der herhalten musste als Erklärung für sämtliche unterschiedlichen Duftwahrnehmungen („Meiner besten Freundin steht der Duft, mir nicht – Hautchemie!“; „Mir gefällt der Duft nicht – Hautchemie!“; „Bei mir riecht der nicht nach Rose, sondern voll nach Jasmin – Hautchemie!“; „Das ist doch ein Chypre, merkst Du das nicht? Muss Deine Hautchemie sein …“).

Nun habe ich eine recht solide naturwissenschaftliche Ausbildung und diese Verwendung des Begriffes „Hautchemie“ wollte ich nicht unwidersprochen stehen lassen.

Die Vorstellung, die Haut könnte mit Duftmolekülen reagieren oder auf der Haut würden chemische Reaktionen stattfinden, ist so nicht richtig. Wir riechen Düfte nicht, weil sie reagieren, sondern weil sie unzersetzt in die Gasphase übergehen (d.h. verdampfen). Sie verdunsten also von der Hautoberfläche und gelangen gasförmig in unsere Nase, wo die Geruchsrezeptoren die Düfte dieser Moleküle entschlüsseln (Übrigens: Wie unser Geruchssinn funktioniert ist hochspannend und durchaus umstritten. Äußerst lesenswert ist Chandler Burrs Annäherung an dieses Thema in „The Emperor of Scent“).

1. Duftentwicklung

Tragen wir ein Parfum auf, so gelangt eine alkoholische Lösung eines Duftmolekülgemisches auf unsere Haut. Der Alkohol verdampft sehr viel leichter als alle anderen Komponenten, so dass er zum Dufteindruck praktisch nicht beiträgt, weil schon in kürzester Zeit zum größten Teil verdampft ist (außerdem riecht reiner Alkohol auch nur sehr schwach im Vergleich zu allen Duftbausteinen). Was wir jetzt riechen, hängt maßgeblich von zwei Faktoren ab: Der Konzentration der Duftmoleküle auf unserer Haut und dem Dampfdruck der Moleküle. Diese beiden Faktoren bestimmen die Konzentration der Duftmoleküle in der Gasphase über der Haut – also dort, wo wir den Duft wahrnehmen. Von Molekülen mit hohem Dampfdruck (d.h. schnell verdampfend) sind in der Gasphase mehr vorhanden als von solchen mit niedrigem bei gleichem Verhältnis auf der Haut. Moleküle mit hohem Dampfdruck bestimmen maßgeblich die Kopfnote von Parfüms, die der Basis haben den geringsten Dampfdruck. Was in der Entwicklung eines Duftes passiert, ist dass die Moleküle, die den höchsten Dampfdruck haben, schneller verdampfen, d.h. irgendwann verarmt der Duft an dieser Komponente. Die Entwicklung ist nun, dass diese Komponente weniger wird und irgendwann fehlt (d.h. die Konzentration in der Gasphase hat die Geruchsschwelle unterschritten). Komponenten, die wir vorher nicht erkennen konnten, weil sie von denen der Kopfnote überdeckt wurden, treten zutage. Entgegen unserem Eindruck „Der Amber kommt jetzt erst“ ist diese Note von Beginn an da, wurde aber z.B. von Bergamotte massiv überdeckt.

2. Hautfaktoren, die die Duftentwicklung beeinflussen könnten

2a) Temperatureinfluss

Der Dampfdruck ist temperaturabhängig, d.h. je wärmer die Haut, desto schneller entwickelt sich der Duft. Das bedeutet aber nicht, dass sich die Zusammensetzung des Duftes in der Gasphase verändert, denn alle Moleküle zeigen ja bei höheren Temperaturen einen höheren Dampfdruck. So als Faustregel verdoppelt sich der Dampfdruck bei 10 °C Temperaturerhöhung. Es gibt Abweichungen von dieser Faustformel, z.B. Wasser, aber Duftmoleküle mit ihren chemischen Strukturen gehorchen dieser sehr gut. Somit ist das Verhältnis der Duftmoleküle in der Gasphase unabhängig von der Temperatur. Zur Verdeutlichung kann jede und jeder Düfte parallel auf Handrücken und -gelenk auftragen. Ich trage Düfte zum Testen gerne auf den Handrücken auf, um mehr Zeit zur Verfolgung der Entwicklung zu haben. Dass die Düfte dann signifikant anders riechen als auf dem Pulsbereich wäre mir bisher entgangen. Nur entwickelt sich der Duft am Handgelenk halt schneller als auf dem Handrücken – die Basis wird etwas schneller erreicht. Die Temperaturdifferenz dieser unterschiedlich stark oberflächendurchbluteten Bereiche ist deutlich größer als der zwischen gleichen Bereichen an unterschiedlichen Menschen. Somit ist der Faktor Hauttemperatur als Begründung von „Hautchemie“ ungeeignet.

Eine gewisse Temperatur (ca. 25 °C oder mehr) wird durchaus benötigt, damit die sehr schwer flüchtigen Duftstoffe der Basis (v.a. Moschus) überhaupt einen Dampfdruck erreichen, der oberhalb der Geruchsschwelle liegt. Nun ist bei keiner und keinem von uns Handrücken, -gelenk, Hals oder Nacken unter 25 °C warm, also hat dies keinen Einfluss auf die Duftentwicklung auf unterschiedlicher Haut. Die Entwicklung auf Papierteststreifen allerdings wird durch diesen Effekt massiv beeinträchtigt, ein Teil der Basis fehlt einfach. Dies ist der Hauptgrund für den Unterschied Papier / Haut.

2b) pH-Wert-Einfluss

Der pH-Wert kann den Dampfdruck von manchen Molekülen beeinflussen: Im stark Sauren ist der Dampfdruck von basischen Molekülen verringert, im stark Basischen von sauren Molekülen. Die allermeisten Duftmoleküle reagieren aber weder sauer noch basisch. Selbst die wenigen leicht sauer oder basisch reagierenden Duftmoleküle zeigen im pH-Wert-Varianzbereich natürlicher Haut keine Änderung des Dampfdrucks.

2c) Trockene oder fettige Haut

Nach dem Aufsprühen eines Parfums verbleibt nur sehr selten (abhängig von der Öl-Konzentration des Parfums) ein öliger Film auf der Haut: Das Parfum zieht in die äußeren Hautschichten ein. Dies ist sehr ähnlich der transdermalen Applikation von pharmazeutischen Wirkstoffen oder der Aromatherapie, wo Wirksubstanzen in die Haut gelangen. Jede Haut – egal ob trocken oder fettig – nimmt so unterschiedliche Flüssigkeiten wie Wasser und Öl auf. Sämtliche Parfuminhaltsstoffe werden ebenfalls aufgenommen. Das Verdampfen findet streng genommen also eher aus der Haut als von der Hautoberfläche statt. Eine gewisse Fettlöslichkeit zeigen die Duftmoleküle, was den Dampfdruck leicht verringern kann. Nun sind Parfuminhaltsstoffe (im Vergleich zu Fett) sehr ähnlich in ihrer Polarität, was zur Folge hat, dass die Löslichkeit auch ähnlich ist. Somit ist der Effekt des verringerten Dampfdruckes bei allen Parfumkomponenten gleich. D.h. dass das Verhältnis der Duftmoleküle nicht davon beeinflusst wird, wie trocken oder fettig unsere Haut ist. Somit kann die Haltbarkeit bei extrem trockener Haut verringert sein, nicht aber der Dufteindruck.

Düfte sind so konzipiert, dass sie aus der Haut verdampfen. Was ja unabhängig vom Hauttyp auch so stattfindet. Es gibt aber eine Ausnahme: Wird Parfum auf einen Schweißfilm aufgetragen, so hat es keine Chance einzudringen. Manche Düfte (hoffentlich keine, auf denen „Sport“ oder „Summer Edition“ steht) mögen das gar nicht – einige Guerlains zum Beispiel, die dann eher bitter riechen. Ich kenne das von „Chamade Homme“. Das wirkt in der Tat bemerkbar bitter auf einem Schweißfilm aufgetragen. Interessanterweise roch es genau so, als ich den Duft nach einem selbst gemischten Ölbad aufgetragen hatte. Für das Ölbad hatte ich mir aus Meersalz, Olivenöl und Milch selbst ein rückfettendes Badeöl gemischt. Das war nun etwas viel des Guten – ich hatte einen glänzenden Fettfilm auf meinem ganzen Körper, was eine unüberwindbare Barriere für Parfums darstellte. Auf diesem Fettfilm roch „Chamade Homme“ exakt so wie auf einem Schweißfilm.

Keine Haut ist so „trocken“ (= wenig fettig) wie die Oberfläche eines Schweißfilms. Keine Haut ist so fettig wie die Oberfläche eines Ölfilms. Wenn nun ein Duft auf diesen beiden Untergründen gleich bitter wirkt, dann deshalb, weil er nicht in die Haut eindringen konnte. Das hat nichts mit trockener oder fettiger Haut zu tun. In beide kann der Duft eindringen, weil die Varianz der Hautfettigkeit nicht dieses Eindringen beeinflusst. Der Duft riecht beide Male gleich.

3. Warum nehmen wir Düfte dennoch so unterschiedlich wahr?

Ja, wir nehmen Düfte unterschiedlich wahr. Wenn ich nun dargelegt habe, dass unsere Haut nicht für diese unterschiedlichen Wahrnehmungen verantwortlich ist, was dann?

Es ist nicht die Haut. Es ist nicht die Nase. Es ist das Hirn.

Das Hirn übersetzt die elektrischen Nervenimpulse der Duftrezeptoren für uns in Dufteindrücke. Es vergleicht das Muster dieser elektrischen Impulse mit Dufterfahrungen. Das können direkte Erfahrungen sein: Wir kennen den Duft von Früchten, Blüten, Hölzern und finden diese in Düften wieder. Wer diese Erfahrung nicht hat, kann die Duftnote entsprechend nicht so einfach zuordnen. Wer eine große Parfumdufterfahrung hat, hat es demnach in der Regel viel leichter, Duftnoten zu erkennen. Abweichend von dieser Regel kann es aber auch genau anders sein: Wer eine lange Erfahrung mit klassischen Colognes hat, für den ist Orangenblüte abgespeichert als Neroli in einem Kontext aus zitrischen und etwas krautigen Noten. Ein Duft wie „APOM pour homme“, in dem die Orangenblütennote wirklich wie blühende Orangenplantangen und nicht wie Pomeranzen riecht, in einem Kontext ohne zitrische oder krautige Noten, sondern Amber und Zeder, ist eine Herausforderung für erfahrene Parfumnasen.

Den Duft von Rosen kennen wir oft nicht durch das Riechen an selbigen (beim Züchten der aktuellen Sorten wurde der Duft wohl irgendwie vergessen), sondern unser Duftbild ist geprägt von Rosenöl – als Komponente von Parfums oder anderen parfümierten Dingen. Nun riecht Rosenöl eben nicht exakt wie blühende Rosen: bei der Destillation können nicht alle Substanzen unzerstört ins Öl überführt werden. Neuere synthetische Duftstoffe oder Absolues kommen der blühenden Rose näher – und riechen für die gleichen ausgefuchsten Parfumonasen wegen der Rosenölerfahrung weniger nach Rose! So ist es nicht verwunderlich, dass die zentrale, dominante und sehr natürlich riechende Rose in „Lumière Noire pour homme“ mit ihrem ungewohnten krautigen Kontrast, bar jeder Aldehyde und fruchtiger Kopfnoten, für Parfumunbedarfte leichter zu erkennen ist als für so manch erfahrene Nase.

Bei Düften ist also die Duftzuordnung sehr stark von Erfahrungen geprägt. Wir alle haben unterschiedliche Dufterfahrungen.

Die Zuordnungsunterschiede beeinflussen auch einen anderen Aspekt der Hirnleistung bei der Verarbeitung von Gerüchen: die Duftwahrnehmung. Düfte, die wir besser zuordnen können, nehmen wir stärker wahr. Unser internes „Ranking“, welche Duftnote dominant ist und welche im Hintergrund, hängt somit auch von unser Dufterfahrung ab. Wer z.B. häufig Iris gerochen hat, dem wird diese Note in einem unbekannten Duft dominanter vorkommen als anderen.

Es gibt darüber hinaus geschlechterspezifische Unterschiede bei der Wahrnehmung von Duftnoten und (wenn sie vorhanden sind) von Pheromonen. Auf diesen wichtigen Aspekt mag ich hier nicht weiter eingehen, denn es würde den Rahmen sprengen. Festhalten möchte ich hier nur, dass auch dies ein Unterschied der Wahrnehmung ist, nicht der Haut.

Zuordnungsunterschiede, Wahrnehmungsunterschiede und emotionale Verknüpfung mit Duftnoten sind so gut wie immer die Gründe für unterschiedliche Dufteindrücke. Unsere Haut unterscheidet sich als Träger für Duftstoffe nur marginal. Hautchemie ist ein Mythos.

4. Generelle Anmerkung

Wäre ich ein Parfumeur oder ein Riechstoffchemiker, der neue Duftmoleküle entwickelt, hätte ich in der Regel keinerlei Interesse, dass mein Parfum bzw. mein neu synthetisiertes Molekül auf unterschiedlichen Menschen einen unterschiedlichen Geruch erzeugt: Ich hätte ein Konzept, eine Idee, die ich umsetzen möchte. Mir wären die unter 3. angerissenen Zusammenhänge wohlbekannt. Neben diesem zu berücksichtigenden Faktor würde ich mich doch nicht noch einer weiteren Unwägbarkeit aussetzen wollen.

5. Häufig gelesene Behauptungen oder Fragen:

5a) „OK, unsere Haut reagiert nicht mit den Duftmolekülen. Aber jeder von uns hat doch Bakterien auf der Haut. Können die nicht die Duftmoleküle zersetzen, wie sie es ja auch mit Schweiß machen, und dadurch den Duft verändern?“

Im Prinzip wäre so etwas denkbar. Im Prinzip. Teile der Bakterien unserer Hautflora haben sich über die Evolution darauf spezialisiert, sich von Inhaltsstoffen des Schweißes zu ernähren. Da diese genügend Nahrung auf unserer Haut finden, verbreiten sie sich dort auch entsprechend. Diese Bakterien sind aber auf Schweißinhaltsstoffe spezialisiert. Ein Duftmolekül können sie deswegen noch lange nicht verdauen. Schaut man sich die chemischen Strukturen von Duftmolekülen an, vergleicht diese mit den Bestandteilen des Schweißes und wie diese zersetzt (d.h. verdaut) werden, ist schnell augenfällig, dass praktisch alle Duftmoleküle leidlich unverdaubar sind.

5b) „Auf der Haut meiner besten Freundin riecht der Duft toll, auf meiner nicht! Hautchemie!“

Wer einen Duft aufträgt, ist ihm über lange Zeit in hoher Konzentration ausgesetzt. Erst recht bei Spritzern auf Brust bzw. Dekolleté, wo die Düfte direkt in die Nase steigen. Wer den Duft an anderen erschnuppert, nimmt ihn deutlich verdünnt wahr und auch nicht ununterbrochen über Stunden. Manche Düfte erscheinen uns in hoher Konzentration penetrant, in Verdünnung schön. Mir geht es mit Gourmands so: Ich mag manche gerne an anderen riechen, mir geht es allerdings schnell auf die Nerven, z.B. wie ein Frühstücksbrötchen mit Aprikosenkonfitüre zu duften. Ist es nicht auffällig, dass die gegenteilige Aussage („an mir toll, an meiner Freundin schrecklich“) fast nie zu hören ist?

5c) „Auf der Haut meiner Mutter riecht Chanel No. 5 toll, auf meiner nicht! Hautchemie!“

Es könnte der gleiche Grund wie unter 5b) sein. Hier kommt aber noch die Dufterfahrung hinzu: Wir verknüpfen Düfte mit Personen, wir kennen Chanel No. 5 aus unserem Umfeld und haben daraus ein Bild entwickelt „zu wem der Duft passt“ (d‘accord), „zu welcher Haut der Duft passt“ (Widerspruch meinerseits). Ich kann Herrenklassiker der 60/70er Jahre nicht schätzen; die soll mein Vater tragen. Denn an ihm habe ich diese Düfte kennen gelernt. Sie riechen gleich auf seiner und meiner Haut, trotzdem passen die für mich nicht zu mir, weshalb mein Hirn dafür sorgt, dass ich sie anders wahrnehme.

5d) „Auf dem Papierstreifen riecht der Duft komplett anders als auf meiner Haut. Also gibt es Hautchemie!“

Unter 2a) habe ich etwas dazu geschrieben. Parfumeurinnen/Parfumeuren und ihren Auftraggebern ist sehr bewusst, dass die Kaufentscheidung gerade bei Designerdüften maßgeblich von dem Papierstreifeneindruck abhängt. Die meisten synthetischen Moschussorten, das Zibeton des Zibets und wichtige Komponenten der Harze wie Labdanum oder Amber aber sind kaum auf dem Papierstreifen riechbar. Möglicherweise ist das der Grund, warum Amberdüfte eher im Nischenbereich populär sind und warum im Designduftbereich die Moschuskonzentrationen immer höher werden (20 % Dihydromyrcenol in „Cool Water“; „Le Mâle“ besteht fast nur aus Moschus) – so hoch, dass sie selbst auf dem kalten Papierstreifen erkennbar sind.

Vanillin hat übrigens eine so geringe Geruchsschwelle, dass es auch auf dem Papierstreifen leicht zu riechen ist, obwohl es eine typische Basisnote ist.

Die Beschaffenheit von Papier (z.B. Oberflächenstruktur, das nicht so umfänglich mögliche Eindringen wie unter 2c beschrieben) begründet noch einige andere Unterschiede zur Haut als Duftträger. Diese haben vielleicht auch Auswirkungen auf unterschiedliche Wahrnehmung, die ich aber zu wenig kenne, um sie zu erläutern, weshalb ich sie hier nur kurz erwähne.

5e) „Jeder Mensch riecht doch anders, hat einen anderen Eigengeruch. Der überlagert sich doch mit dem Parfum, also kommt in der Mischung etwas ganz anderes heraus. Hautchemie!“

Menschen riechen unterschiedlich. Und der/die Partner/in riecht am allerschönsten. Gegenfrage: Auf welche Entfernung sind andere Menschen wirklich zu riechen (Knoblauch u.ä. mal ausgenommen)? Wie stark? Sicher überlagern sich natürlicher Duft und Parfum. Aber wie viel intensiver duftet letzteres! Mehr als eine Nuancenverschiebung – wenn überhaupt – dürfte nicht möglich sein.

Menschen reagieren teilweise stark auf den zum großen Teil unbewusst wahrgenommenen Duft anderer Menschen. Das Geschlecht und damit Pheromoninformationen sowie eine große Mischung anderer unterschiedlicher Umstände sorgen dafür, ob „die Chemie“ stimmt. Das alles sind aber Wahrnehmungsfaktoren – Unterschiede, die von unserer Genetik via Hirn und Psyche gemacht werden. Nicht via Haut.

5f) „Dieser Duft steht nur einer blonden Frau. Da es eine Korrelation zwischen Haut- und Haartyp gibt: Hautchemie!“

Ähm, ja. „Tabac Blond“ passt meiner Meinung nach in der Tat am besten zu einer großen, blonden, begehrenswerten, eher extrovertierten, rauchenden Frau. Aber nicht aufgrund des Hauttyps (es gibt blonde Frauen mit trockener, fettiger oder Mischhaut). Sondern weil ich der Meinung bin, dass ein Parfum mit ausgeprägter Sillage eher zu besagtem Typ Frau passt. Es geht also um persönliche Meinung und Assoziation, die hier auf einen Typ (und damit auf einen Hauttyp) übertragen werden. Der Unterschied geht also vom Riechenden aus – nicht von der gerochenen Haut und ihrer „Chemie“. Außerdem ist „Tabac Blond“ für mich so eng mit meiner Freundin verknüpft, dass ich mir gar nicht vorstellen mag, dass jemand anderes den Duft trägt.

Quellen bzw. weitergehende Lesetipps
Jean-Claude Ellena: „Perfume – The Alchemy of Scent“, 2011, Arcade, S. 13 ff.
Der Artikel MYTHOS HAUTCHEMIE auf Parfumo
INTERVIEW MIT PROF. HUMMEL – FORSCHUNGSZENTRUM GERUCH
DIE WAHRNEHMUNG DER WAHRNEHMUNG

Everything, einmal alles in einem

Das aromatische-blog als schöne Linkschleuder. Danke Jo, für dieses Fundstück.
Everything

AN AMAZING FRAGRANCE MIX CALLED ‘EVERYTHING.’
FOUR MARCH, TWO THOUSAND AND THIRTEEN
This weekend our dear friends and Dutch artists LERNERT & SANDER launched their conceptual perfume, EVERYTHING. at COLETTE in Paris. It’s a mix of 1200 commercial perfumes that were launched in 2012, resulting in one giant bottle that looks like a blown-up tester thing-y. The actual fragrance, unsurprisingly-yet-spectacularly smells like you’re walking onto the fragrance floor of a scent-saturated department store. Amazing! Alas, only the super-unique 1.5L bottle is for sale – price on request from the artists. Also please check out the 1:44 min “making of”-documentary here.

Amberöl (Bernsteinöl) – Pinus succinifera

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Amber und Ambra ( Ambra grisea/ Grauer Amber), Styrax Amber und Amberöl? Und wenn es einen oder mehrere Unterschiede gibt, wo kommen die Rohstoffe eigentlich her? Fragen über Fragen, Amber scheint mir ein ziemlich sagenumwobener Stoff zu sein. Und da ich mit dem Thema OUD gerade nicht weiterkomme – an einer bestimmten Stelle brauche ich die Hilfe eines Botanikers (der leider im Urlaub ist), damit ich keinen Blödsinn schreibe – spüre ich jetzt dem Begriff Amber nach. Gibt es überhaupt Amberöl? Was soll das sein? “Meine Oma hat immer die Bernsteine an der Ostsee als Amber bezeichnet. Aber daraus kann man doch kein Öl machen. Oder etwas doch?” Doch, kann man.

Nur für den Anfang sollte man wissen, Bernstein heißt auf lat. Succinium, auf engl. Amber und auf franz. Ambre.

Trotzdem geht es jetzt erstmal mit Amber los. Amber als Bezeichnung für Düfte kennt jeder Parfumfreund, jede Parfumfreundin, nur die Vorstellungen, die man sich davon so macht, die können sehr verschieden sein und deshalb lade ich sie ein, mir zu folgen. Kommen sie mit, in ein herrliches Wirrwar aus unterschiedlichen Rohstoffen, Gerüchen und großen Illusionen. Folgen sie mir zu Styrax Amber nach Nordamerika, tauchen wir gemeinsam ab, wenn ein Pottwal Ambra kotzt (also man nimmt an, daß der Wal es auskotzt. Es gäbe da noch eine andere Möglichkeit, von hinten … na sie wissen schon), sammeln wir gemeinsam an der Ostsee Bernstein, probieren wir uns in Trockener Destillation, spitzen wir die Ohren, wenn der Geigenbogen an den Saiten zieht und dann fragen wir uns, was das alles mit Amberöl zu tun hat. Wenn die Parfumerie etwas zu bieten hat, dann sind es Illusionen und als Synästhetiker kann ich ihnen versprechen, daß es mehr als ein Spiel aus Farben und Formen ist. Glauben sie mir, die Nase kommt nicht zu kurz.

In dem Wörtchen Amber steckt viel drin. So viel wie in diesem leuchtenden Bernstein.

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Von Amberparfum und Parfum mit Amber: Der Begriff Amber wird in der Parfumerie recht häufig verwendet, obwohl überhaupt nicht klar ist, was genau damit gemeint wird. Handelt es sich nun um einen Rohstoff in einem Parfum oder um eine Mischung die nach Amber riecht? Wie riecht eigentlich Amber? Gute Frage. Welchen Rohstoff meinen sie denn? Sie sehen, es bleibt verwirrend.
Ein Amberparfum ist ganz vereinfacht ausgedrückt nichts weiter, als eine orientalische Duftmischung. Stecken sie all die schönen Sachen, all die Kostbarkeiten, die Gewürze, die Früchte und die Blüten, die früher mit Segelschiffen nach Europa geholt wurden, in ein Parfum und sie erhalten ein Amberparfum. Denken sie an Rosen, an Pfeffer, Zimt und Orangen, Kardamom und Sandelholz, stellen sie sich Moschus und besonders viel Vanille vor. Lauter schöne Sachen, die typischer Weise in ein Amberparfum gehören. Amber als Rohstoff – die Frage, welchen wir damit meinen, lasse ich jetzt mal weg – wird nicht unbedingt benötigt. Aber mit Blick auf die Rezepte, die Komplextabellen berühmter Parfumeure, finden sich häufig zwei Gemeinsamkeiten: Benzoe und Labdanum.
Ein Parfum mit Amber ist dann schon etwas anderes. Der Hinweis MIT AMBER stellt auf einen oder mehrere Rohstoffe ab, die als Amber bezeichnet werden. Und an diesem Punkt wird es nun richtig unübersichtlich, weil es von Amber als Rohstoff sehr viele, sehr unterschiedliche Vorstellungen und Meinungen gibt. Von Styrax Amber, Ambra grisea und Amberöl (Bernsteinöl) habe ich schon gesprochen, doch auch Benzoe wird häufig als Amber bezeichnet und selbst das Harz der Lackzistrose (Cistus ladaniferus), das Labdanum, bezeichnen viele Leute als Amber. Das kann von mir aus auch jeder tun und halten wie er will. Von mir aus können sie jedes Baumharz als Amber bezeichnen. Nur wenn man es genau wissen will, sollte vorab geklärt werden, von welchem Stoff die Rede ist.
Styrax Amber: Liquidambar styraciflua, ein im Nordwesten der USA beheimateter Laubbaum (wird ca. 15 Meter hoch). Die Systematik der Storaxbaumgewächse sieht wie folgt aus: Klasse Bedecktsamer/ Magnoliopsida, Ordnung Heidekrautartige, Familie Storaxbaumgewächse, Wissenschaftlicher Name Styracaeae. Man darf nur nicht auf die Idee kommen, weil die Pflanzensystematik den Gedanken nahelegt, Benzoeharz und Styraxharz gleichzusetzen. Ersteres wird aus den Arten Styrax tonkinensis (Siam Benzoe) und Styrax benzoin (Sumatra Benzoe) gewonnen – deshalb wird Benzoe häufig als Styrax bezeichnet -, während für den als Styrax Amber-Harz bezeichneten Rohstoff die Nordamerikanischen Liquidambar-Arten verantwortlich sind. Über Styraxgewächse.
Ambra grisea/ Grauer Amber: Für diesen Teil mache ich es mir einfach und verweise auf einen älteren Artikel zu diesem Thema. Aber in aller Kürze kann mit Sicherheit gesagt werden, daß der Pottwal die unverdaulichen Überreste großer Tintenfische irgendwie aus sich herausbringt – vorn oder hinten (da noch niemand dabei war, kann man nur vermuten oder hoffen) ist egal und wenn diese Klumpen schön vom Seewasser umspült, von der einen oder anderen Meereströmung bewegt, von der Sonne beschienen und von den Wellen irgendwo an Land geworfen wurden, dann haben wir Ambra grisea. Einen sehr teuren und kostbaren Rohstoff, zu dem ich ihnen leider nicht viel sagen kann, weil ich ihn nicht kenne. Ambroxan tuts wohl auch. ÜBER TINTENFISCHE UND DEN WAL.

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Amberöl (Bernsteinöl), Pinus succinifera
Ja, es gibt Amberöl, Öl aus fossilem Bernstein. CAS-Nr.: 8002-67-3 (ein meiner Meinung nach veraltetes Datenblatt gibt die CAS-Nr.: 9999-99-9 an)
Herkunft: Pinus succinifera, was man mit Kiefer und Bernstein übersetzen kann. Entstanden sind die uns bekannten Bernsteine, die wir häufig an den Ostseestränden finden, vor etwa 300 Mio. Jahren, im Neolithikum, der Jungsteinzeit. Und ob das dann immer Kiefer war, kann uns ziemlich egal sein.
Wir gehen jetzt nicht so weit zurück, sondern schauen ganz kurz auf die Jahre 1793 bis 1799, in denen Samuel Hahnemann (Apotheker/ 1755-1843) sein Apothekerlexikon herausgab, wo er beschreibt, wie man das wohlriechende, rektifizierte Bernsteinöl, unter Zuhilfenahme von zerfallenem Kalk und Wasser, milder Hitze und rauchender Salpetersäure durch Destillation gewinnen kann. Ein pomeranzenfarbiges, heftigst nach Biesam riechendes Öl, welches nach reichlicher Aussüßung mit Wasser als künstlicher Biesam oder balsamisches Bernsteinharz (Moschus artificialis, Resina succini balsamica) gehandelt wird.(1)
Dem wohlriechend würde ich, mit dem, was mir als Bernsteinöl bekannt ist, jedoch unbedingt widersprechen wollen. Süß, balsamisch, Biesam und Moschus hin oder her, mich erinnert der Geruch an brennenden, die Schleimhäute reizenden Teer.
Und jetzt wird es Zeit, die Ohren zu spitzen. Können sie sich vorstellen, wie der Geigenbogen über die Saiten der Violine gleitet? Wissen sie, warum aus dieser Berührung Klang entsteht? Der mit Rosshaar bespannt Bogen klebt nämlich regelrecht an den Saiten des Instruments, er zieht sie mit, bis sich die Saite löst und zu schwingen anfängt. Ein Vorgang der sich in Bruchteilen von Sekunden mehrfach wiederholt und aus dem Musik entsteht. Bisweilen ganz wunderbare Musik. Wenn ich einen Vorschlag machen darf? Tchaikovskys (1840-1893) Violin Concerto in D/ Op. 35, der 2. Satz, Canzonetta (Andante). Lieblingsmusik, absolute Lieblingsmusik. Nur warum erzähle ich ihnen das? Was haben der Geigenbogen, das Rosshaar, die Violine, die Töne, die Musik, was haben die Klänge mit dem Amberöl, dem Bernsteinöl gemein? Die Gemeinsamkeit ist der Herstellungsprozess. Bernsteinöl/ Amberöl ist ein Naturprodukt, welches durch Trockendestillation gewonnen wird und dabei entsteht außerdem auch das für den Klang der Violine so wichtige Kolophonium, ohne das der mit Rosshaar bespannte Geigenbogen nur über die Saiten rutschen würde, ohne diese zum Schwingen zu bringen. Ohne Kolophonium, ohne Trockendestillation keine Violinenmusik. Und Kolophonium riecht sehr lecker – finde ich.
Trockendestillation wird heute als Pyrolyse bezeichnet. Eine thermisch-chemische Spaltung organischer Verbindungen, bei der z.B. unser fossiles Bernsteinharz, der Amber, bei großer Hitze, trocken – ohne Wasserdampf – und unter Ausschluß von Sauerstoff (anerob), damit nichts verbrennt und oxidiert, verschwelt wird. Ich kann mir vorstellen, daß dabei heute auch Schutzgase wie Argon oder Helium zum Einsatz kommen. Es wäre auch möglich, die erforderliche Hitze mittels der Gase zu erzeugen und diese zugleich als Träger zu verwenden. Die sich dabei bildenden Teer/ Pech Tröpfchen werden aufgefangen und abgetrennt – sie sind unser Oleum succini, das Amberöl.
Es soll angeblich die Nerven stärken und bei allerlei Allergien heilsam, gar wunderbar wirken, es stillt Krämpfe, wirkt harntreibend, lindert Insektenstiche und war lange Zeit ein fester Bestandteil des Riechwassers Eau de Luce (Luzienwasser). Alles Amber oder was?

Und wer sich eine orientalische Amber-Basis für ein Parfum selber mischen will, dem empfehle ich etwas Labdanum, Copaiba, Benzoe und Vanille. Dazu eine Kopfnote aus Kardamom und Bergamotte und die Herznote dürfen sie selber austüfteln.

(1) Samuel Hahnemann: Apothekerlexikon. 1. Abt., 1. Teil, Leipzig 1793, S. 109-110.

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